san ju

10. April 2009

passagen und relikte

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hertenstein1
Nur selten ist das Bild von Jakob Hertenstein in der Öffentlichkeit zu sehen. Es ist das älteste Bild, oder sicher das älteste Luzerner Bild, das sich im Kunstmuseum Luzern befindet und jetzt im Rahmen der Austellung „Passagen und Relikte“ gezeigt wird.
Das Bild wurde 1514 von einem der reichsten Luzerner Bürger in Auftrag gegeben. Die Familie des Jakob Hertenstein stammt ursprünglich aus Weggis, wo sie die gleichnamige Burg bewohnten. Später erwarben die Hertenstein das Schloss in Buonas und wurden ab dem 15. Jahrhundert Bürger der Stadt Luzern. Jakob, geboren um 1460, verstand es, sein Vermögen stetig wachsen zu lassen. Das geschah durch eine geschickte Heiratspolitik, durch Beteiligung an der Ravensburger Handelsgesellschaft und durch Erhalt von Pensionsgelder für fremde Söldnerdienste. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, im Jahr 1514 lies er sich von einem (heute unbekannten) Luzerner Maler porträtieren. Zur gleichen Zeit entschloss er sich ein seinem sozialen Stand entsprechendes Haus in Luzern zu errichten. Das Haus sollte innen und aussen kunstvoll mit Wandmalereien geschmückt werden. Für diese Malereien konnte Hertenstein, wohl dank seiner Beziehungen zu Basler Familien, sich der Dienste einer bedeutenden Künstlerfamilie versichern. Kein Geringerer als Hans Holbein der Jünger (und dessen Vater und Bruder) begannen das Haus am Kapellplatz mit Malereien zu versehen.
Das Hertenstein-Haus wurde 1825 abgerissen. Im letzten Moment, die Abbrucharbeiten waren bereits im Gange, wurden die damals in Luzern ansässigen Kunstmaler aufgeboten, um wenigstens Umzeichnungen und Skizzen der wertvollen Malereien anzufertigen. Einige dieser Umzeichnungen, sowie eines der wenigen erhaltenen Wandfragmente, sind gegenwärtig im Kunstmuseum Luzern zu besichtigen. Daneben sind eine paar andere selten gezeigte Luzerner Relikte aus dem 16. und 17. Jahrhundert ausgestellt. Diese kleine Zusatzausstellung lohnt es zu beachten, wenn man wohl in erster Linie wegen den Relikten des zeitgenössischen „Luzerner“ Künstlers Urs Lüthi das Museum besuchen wird.

28. März 2009

i p v t

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troxler1
Schlau oder zumindest verschmitzt erscheint Ignaz Paul Vital Troxler auf dem bekanntesten von ihm erhaltenen Bildnis. Troxler war 1780 in Beromünster als ältester Sohn eines Schneiders und Ladenbesitzers geboren. Seinen Vater verlor er bereits als zehnjähriger. Seine Mittelschulzeit verbrachte er an den Jesuitenschulen von Solothurn und Luzern. In dieser Zeit begeisterte er sich für die Ideen der französischen Revolution. Bei der Helvetische Revolution wurde der junge Troxler sogleich zum „Kriegskommissar für den Distrikt Münster“ und später zum Privatsekretär des Regierungsstatthalters Rüttimann ernannt. Eine Politische Karriere schien vorgezeichnet zu sein. Doch Troxler entschied sich für die Ausbildung zum Arzt und zog nach Jena und  Wien.

Nach einem kurzen Zwischenspiel von 1806 musste er Beromünster fluchtartig verlassen. Troxler kehrte nach Wien zurück, wo er seine spätere Frau kennenlernte. Mit ihr zog er 1809 erneut nach Beromünster, um eine Arztpraxis zu eröffnen. Als er um eine Bewilligung vorsprach, wurde er jedoch festgenommen. Erst als er nach inständigen Bitten seiner jungen Gemalin und seiner Mutter sich beim Sanitätsrat entschuldigte, wurde er nach einwöchiger Haft wieder entlassen.

Troxler hielt sich in der Folge politisch eher zurück. Das änderte sich jedoch als im Februar 1814 in Luzern ein Staatsstreich stattfand. Das Meiste, was man durch die Helvetische Revolution gewonnen hatte, sollte wieder rückgängig gemacht werden. Es sollte wieder der Zustand vor 1798 hergestellt werden (Restauration). An der Spitze des Putsches stand Vinzenz Rüttimann; derjenige Rüttimann, der 1798 der Revolution in Luzern zum Durchbruch verholfen hatte und den jungen Troxler zu seinem Sekretär ernannt hatte und der schon die erste Verhaftung Troxlers veranlasst hatte.

Troxler und einige seiner Freunde setzten eine Petition gegen die neuen (alten) Machthaber auf. Die Volkssouveränität sollte wieder hergestellt und die Vormacht der Stadt über das Land sollte beendet werden. Die Petition mit über 70 Unterschriften wurde konfisziert. An die 20 Verdächtige wurden inhaftiert; darunter auch Troxler. Nach fünf Wochen Haft in Sursee wurde Troxler gegen Kaution frei gelassen. Die Urheberschaft der Bittschrift konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Erneut verliess Troxler Beromünster mit seiner Familie Richtung Wien. Einen kühnen Plan hatte er gefasst. Mit anderen demokratisch gesinnten Schweizern wollte er sich direkt am Wiener Kongress für die Volksrechte einsetzen.

(Zu den Verhältnisse in Luzern zur Zeit der Helvetik vgl. Heidi Bossard-Borner, Im Bann der Revolution. Der Kanton Luzern 1798-1831/50.  Luzern 1998.)

21. März 2009

von luzern nach jena

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luzernjena
Im Oktober 1800 machten sich zwei angehende Luzerner Medizinstudenten auf nach Jena. Die Reise führte über Basel, Strassburg und Frankfurt und dauerte etwa drei Wochen. Der eine der beiden Studenten, Joseph Corraggione, führte ein Tagebuch, das heute im Staatsarchiv Luzern liegt und teilweise online einsehbar ist. Der andere Student war Ignaz Paul Vital Troxler aus Beromünster. In seinen Erinnerungen schreibt er, dass er ein so schönes Studium nie wieder gesehen habe. Die Basis sei die Philosophie gewesen und mit Erfurcht habe er sich dieser Geisteswelt genähert und er betrachte es als sein höchstes Lebensglück die meisten ihrer Götter und Helden gesehen und gehört zu haben. Er meinte damit vor allem die Philosophen Fichte, Schelling und Hegel, bei denen er Vorlesungen besuchte, aber wohl auch die Dichter, die sich zu dieser Zeit in Jena (die beiden Schlegel, Novalis, Humbold…) und im benachbarten Weimar (Goethe, Schiller, Wieland, Herder…) aufhielten.
Troxler schloss 1803 sein Medizinstudium mit einer Arbeit über Augenentzündungen ab. Danach begab er sich nach Göttingen und danach nach Wien, wo er vor allem wissenschaftlich tätig war. (Nebenbei sei erwähnt, dass er in Wien auch kurz mit dem Beethoven zusammentraf.) Ende 1805 gab Troxler den Bitten seiner Mutter nach und kehrte nach Luzern zurück. Anfangs 1806 eröffnete er in Beromünster eine Arztpraxis. Gerade zu dieser Zeit wütete im Kanton Luzern eine Gripppe-Epidemie, die viele Opfer forderte. Als er sah wie die heimische Ärzteschaft auf diese Krankheit, die sie als Faulfieber bezeichneten, eingingen, erregte es in ihn dermassen, dass er eine Schrift gegen den amtierenden Sanitätsrat herausgab, in der er pauschal den medizinischen Versorgungsstand angriff:

Hier ist der Boden des gottverlassensten Zustandes der Medizin. Nirgends wird mit Leben und Gesundheit ein so blindes und freches Spiel getrieben wie hier. Oder wo gibt es noch diese zahllose Menge dummer Bauern, unwissender Weiber, Viehärzte, und Wasenmeister etc. etc., welche Medizin zur Profession machen, und machen können und dürfen wie hier? Wo findet sich noch eine so ungezügelte, oder so lose angehaltene Pfuscherei und Quacksalberei, wie hier? – Es ist beispiellos und schändlich!

Die Anwort aus Luzern blieb nicht aus. Er wurde aufgefordert, vor dem Sanitätsrat zu erscheinen und sich in aller Form zu entschuldigen. Troxler weigerte sich und entzog sich der Verhaftung durch die Flucht in den Aargau. Es sollte nicht der letzte Haftbefehl sein, der in Luzern gegen Troxler erlassen wurde. Von Aarau aus begab sich Troxler danach wieder nach Wien.

Vgl: Daniel Furrer: Ignaz Paul Vital Troxler (1780-1866) und seine Zeit: ein Leben für Freiheit und Einheit. 2004.

17. März 2009

john milton in luzern

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fürst und volk
Erst kürzlich, im Dezember 2008, hat sich der Geburtstag von John Milton (1608-1674) zum 400. Mal gejährt. Der englische Dichter und Philosoph wurde breit gewürdigt. Eines seiner Hauptwerke, „Das verlorene Paradies“, wurde zum Gedenkjahr neu übersetzt und herausgegeben. Milton wurde gefeiert wegen seinem lebenslangen Kampf für die Freiheit und die Rechte des Volkes

Ein anderes Werk Miltons, die „Defensio pro populo anglicano“, wurde 1821 vom damaligen Philosophielehrer am Luzerner Gymnysium, von dem aus Beromünster stammenden Ignaz Paul Vital Troxler, zusammen mit einer Schrift des Schottischen Humanisten Buchanan unter dem Titel „Fürst und Volk“ ins Deutsche übersetzt und publiziert. Die Schrift fand im In- und Ausland viel Beachtung. Die erste Auflage von über tausend Stück war bereits nach vier Wochen ausverkauft.

In Luzern wurde der Verkauf allerdings bereits nach zwei Wochen untersagt. Die „Schmähschrift“ wurde im Rat verurteilt, da sie zum Königsmord aufrufe, die Schweiz im Ausland kompromittiere und Ruhe und Ordnung im Kanton gefährde. Ein Verbot der Schrift war der Luzerner Regierung jedoch zu wenig. In einer Extrasitzung des Kleinen Rates wurde die fristlose Entlassung Troxlers verfügt. Alle Einwände Troxlers und die Bittschriften seiner Schüler und liberalen Freunde halfen nichts. Die Regierung kam nicht mehr auf ihren Beschluss zurück. Im Gegenteil wurde später auch sein Ruf an die Universität Freiburg im Breisgau hintertrieben. Troxler sei der gefährlichste Schriftsteller der Schweiz.

Troxler fand einmal mehr im Aargau bei seinen politischen Freunden Aufnahme und Zuflucht. Von 1834-1853 lehrte er dann Philosophie an der Universität in Bern. Heute gilt er als einer der wesentlichen Vorkämpfer und Mitgestalter der Bundesverfassung von 1848.

Das Buch „Fürst und Volk nach Buchanan’s und Milton’s Lehre“ (2. Auflage, Aarau 1821)  und die „Nachschrift zu Dr.Troxlers „Fürst und Volk“. Tatsächliche Darstellung der Schicksale dieses Buches und seines Verfassers unter Schweizer Regenten mit interessanten Belegen“ (Stuttgart 1822) sind online greifbar.

16. Januar 2009

gefangen in luzern

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Felix Hemmerlin
Die Bienen, die um seinen Kopf schwirren, sind ein Zeichen für Weisheit und Fleiss. Sie weisen auf seine Kenntnisse in Jurisprudenz hin. Auf dem Kopf trägt er die Mütze des Gelehrten. Das Buch unter dem Arm ist ebenfalls ein Symbol für Gelehrsamkeit. Der Hammer in seiner Linken weisst jedoch auf seinen Namen hin: Malleolus, Felix Hemmerlin. Um 1388/89 war er in Zürich geboren. Das Rechtsstudium absolvierte er in Erfurt und Bologna. Zurück in der Schweiz empfing er die Priesterweihe und betätigte sich als Rechtsgelehrter vorwiegend in kirchlichen Angelegenheiten. Er setzte sich für Reformen im Klerus ein und seine spitze Feder war schon bald gefürchtet. So sehr gefürchtet, dass einige Geistliche aus Zürich einen Mordanschlag auf ihn verübten. Nur knapp entging Hemmerlin dem Tode.
Während des alten Zürichkrieges war er vermehrt politisch tätig. Er stellte sich auf die Seite der Österreicher und des Adels und verfasste eine scharfe Spottschrift gegen die Eidgenossen. Es seien Bauern mit bergartig gekrümmtem und gebuckeltem Rücken, mit schmutzigem, verzogenem Antlitz, tölpisch dreinschauend wie Esel, die Stirn von Runzeln durchfurcht, mit struppigem Bart, graubuschigem, verfilztem Haar, Triefaugen unter den borstigen Brauen; der Leib sei unförmig, rauh, grindig und dicht behaart. So treten sie dem Adel (und den Zürchern) entgegen. Der Krieg war tatsächlich grausam und der Frieden wurde ausführlich gefeiert. Die Angriffe Hemmerlins waren jedoch nicht vergessen.
An der (Versöhnungs-)Fastnacht von 1454, an die auch die Innerschweizer nach Zürich geladen waren, kam es zu Unruhen. Hemmerlin wurde verhaftet und nach Konstanz überführt. Mehr als zehn Monate verbrachte er in den Verliessen des Bischofs. Ungehorsam gegen die Kirchenobern wurde ihm vorgeworfen. Das Urteil lautete auf Enthebung der geistlichen Ämtern und auf lebenslänglichen Klostergewahrsam.
Ausgerechnet in die von ihm so geschmähte Gebiete und ausgerechnet in einem von ihm so angegriffenen Orden wurde er verbannt: in das Franziskanerkloster von Luzern. In Luzern wurde er allerdings vorerst noch etwa zwei Monate eingetürmt, bevor ihm sein Platz im Kloster zugeteilt wurde. Die Franziskaner hielten ihn anschliessend in erträglicher Haft, so dass er weiterhin schriftstellerisch tätig sein konnte, wenngleich er auf seine grosse Bibliothek verzichten musste. Hemmerlin starb vermutlich um 1459 wohl im Kloster von Luzern.

(Literaturangaben zu Felix Hemmerlin in: Die deutsche Literatur des Mittelalters: Verfasserlexikon Bd. 3, 1981, Spalte 989-1001)

28. Dezember 2008

der eisbär im museum

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Die kalten Tage um die Jahreswende sind ein idealer Zeitpunkt, ins Museum zu gehen, zumal hier in Luzern (seit langem wieder einmal) eine beachtenswerte Ausstellung stattfindet. Die Retrospektive des bedeutenden (und faszinierenden) japanisch-amerikanischen Fotographen Hiroshi Sugimoto dauer noch bis zum 25. Januar 2009. Einige Bilder von Sugimoto hatten wir schon vor ein paar Jahren -eher zufällig- während eines Besuches des Guggenheim-Museum in Bilbao kennen gelernt. Die Portraitsammlung von König Heinrich VIII. und seiner sechs Frauen, die jetzt auch in Luzern zu sehen ist, hatte uns schon damals stark beeindruckt. Sugimoto hat die nach zeitgenössischen Bildern nachgestalteten Wachsfiguren mit seiner Grossbildkamera abgelichtet. Jetzt in der schwarzweissen Version der Abbildung der Wachsabbildung nach den Bildern des 16. Jahrhunderts wirken die abgebildeten Personen so, als ob lebende Menschen porträtiert worden wären. Genau so irritierend echt erscheint das Bild des Polarbären, das in Wahrheit eine ausgestopfte Figur aus dem New Yorker American Museum of Natural History darstellt.

(Fotographie aus dem Kunstmuseum Luzern: Ausschnitt aus Hiroshi Sugimoto, Polar Bear, 1967 / ©Hiroshi Sugimoto)

22. Oktober 2008

der nobelpreisträger

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Eine nervöse Hektik herrschte im Eingangsbereich des ehemaligen Hotel Union in Luzern. Die Universität hatte zu einer Begegnung mit dem Nobelpreisträger Ohran Pamuk eingeladen. Nur wer auf der Gästeliste stand, durfte den inneren Bereich betreten. Taschen und Jacken mussten an einer improvisierten Garderobe abgegeben werden. Männer in Podyguardpose und uniformiertes Sicherheitspersonal standen im Treppenhaus und in den Gängen. Bevor man den eigentlichen Vortragssaal betreten durfte, musste man eine Leibesvisitation mit einen elektronischen Detektor über sich ergehen lassen. Erst nach halbstündiger Verzögerung trat der türkische Schriftsteller unter Applaus in den Saal.
Thomas Steinfeld, Chef des Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und Dozent an der Universität Luzern, hatte das Treffen mit Pamuk in die Wege geleitet. Er stellte eine erst Frage. Er wollte von Orhan Pamuk (Jahrgang 1952) wissen, was sich seit seinem letzten Besuch in der Schweiz im Jahre 1959 am meisten verändert habe. Pamuk gab (auf türkisch mit simultaner Übersetzung) zur Antwort, dass er und sein älterer Bruder den Vater, der in Genf gearbeitet hatte, für eine paar Wochen besuchen konnten und dass sie in einem Opel von Genf aus die Schweiz besichtigen konnten. Die grösste Änderung seit damals seinen die immensen Sicherheitsvorkehrungen, meinte er.
Ein türkischer Schriftsteller in der Schweiz, der nur unter Personenschutz auftreten kann, ist eigentlich nicht das beste Zeichen für abendländische Kultur im 21. Jahrhundert. Immerhin war es nicht verboten einen Fotoapparat und ein Buch in den Saal mit zu nehmen. Das mitgebrachte Buch liess ich gerne vom berühmten Autor signieren.

13. Oktober 2008

hochsicherheitstrakt zhb luzern

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Es braucht einige Erfahrung um im alten Bibliothekskatalog (Bücher bis 1983), das gewünschte Buch zu finden. Bücher mit Druckdatum vor 1900 können dabei nicht ausgeliehen werden und dürfen nur im Lesesaal gesichtet werden. Noch ältere Werke und natürlich die Handschriften werden nur im Sondersammlungs-Lesesaal vorgelegt.
Ich meldete mich zur Sichtung einiger Flugschriften aus der Reformationszeit an. Bei der erstmaligen Benutzung des Sonderlesesaals werden die Benutzungsordung und ein Bleistift vorgelegt. Zur Erfassung der Personalien wird ein Personalausweis mit Foto verlangt. Von jetzt weg ist man sozusagen unter freundlicher Bewachung des Bibliothekspersonals eingeschlossen vor seinem Buch. Nur wenn die „Bewacherin“ den entsprechenden Knopf betätigt, kann man den Raum wieder verlassen und draussen etwas Luft schnappen.
Es ist natürlich ein spezielles Gefühl, ein fast fünfhundertjähriges Schriftstück in den Händen zu halten. Das fängt schon auf der ersten Seite an, wenn man den Eintrag des Vorbesitzers (Joseph Anton Felix Balthasar, wie mir Herr Kamber freundlich erklärte) betrachtet, der vor mehr als 200 Jahren mit geschwungener Schrift ein Inhaltsverzeichnis begann. Noch spezieller ist es, wenn man die eigentliche Flugschrift vor sich hat. Um 1522 wird jemand die Antwurt des bruoder Conrad Schmids mit Interesse gelesen haben. Das sieht man schon daran, wie dieser erste Leser mit spitzer Feder Randbemerkungen angefügt hatte.

Seit 1522 ist die kleine Flugschrift von Conrad Schmid nur selten mehr betrachtet worden. In Schweizer Bibliotheken sind bis heute noch etwa zehn Exemplare zu finden; eines davon in Luzern. Alle diese Originale sind gut verschlossen und können selbstverständlich nur mit Sondererlaubnis gelesen werden. Eine (Roh-)Fassung der 23-seitigen Schrift ist ab heute elektronisch abrufbar.

1. Oktober 2008

am vorabend vor sankt leodegar

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Vom Nachbarsgrundstück aus leuchten die Blätter zu uns herein, selbst wenn die Sonne nicht so herbstlich warm scheint wie heute am Vorabend des Luzerner Stadtheiligen Sankt Leodegar.

21. September 2008

luzern: eine stadt der geschichtsforscher?

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Wenn man durch die Strassen von Luzern spaziert, so trifft man auf erstaunlich viele Hinweise auf Luzerner Historiker. So gibt es etwa die Kasimir-Pfyffer-Strasse, den Philipp-Anton-von-Segesser-Platz, den Liebenau- und den Blathasar-Weg. Zusätzlich werden die wichtigsten Luzerner Chronisten in Strassennamen gewürdigt. Es gibt die Etterlin-, die Diebold-Schilling- und die Cysat-Strasse.
Dem für die nationale Geschichtsschreibung wohl wichtigsten Luzerner Historiker Joseph Eutych Kopp ist allerdings weder eine Strasse noch ein Platz gewidmet. Immerhin ist an seinem ehemaligen Wohnhaus am Mühleplatz, im Eingangsbereich zum Restaurant Mama Leone, eine Erinnerungstafel angefügt.

Eutych Kopp wurde 1793 in Beromünster geboren, studierte alte Sprachen in Freiburg im Br. und Paris. Er war von 1819 bis zu seinem Tode im Jahr 1866 Lehrer am Lyzeum von Luzern. Gelegentlich betätigte sich Kopp als Dramatiker und er beteiligte sich zeitweise als konservativer Katholik an de Politik. Daneben war er immer auch an der Geschichte interessiert. So verfasste er 1828 eine Kurzfassung der Schweizer Geschichte von Johannes von Müller für „Schulen und Liebhaber“. 1829 machte er dem Schultheissen von Luzern den Vorschlag, zur 500-Jahr-Feier des Beitritt Luzerns zur Eidgenossenschaft von 1332 eine Gedenkschrift zu verfassen. Zu diesem Zweck begab er sich in die Archive und studierte die Urkunden. Er fand eine völlig andere Geschichte vor, als die welche ihm von Tschudi, von Baltasar und Johannes von Müller vermittelt worden war. Er erkannte, dass die sagenumwobene Geschichte der frühen Eidgenossenschaft vor den Fakten im Archiv nicht standhielt. Für den Rütlischwur, Tell und den bösen Gessner sah er keinen Platz mehr in der Geschichte. Ein Perspektivenwechesl sei angesagt. Nicht von der gewordenen Eidgenossenschaft, sondern von der werdenden müsse die Geschichte betrachtet werden und diese Sicht könne nur auf historischen Fakten beruhen.
Die für 1832 geplante Festschrift erschien nicht, stattdessen veröffentlichte Kopp 1835 ein Bändchen mit Urkunden zur Geschichte der eidgenössischen Bünden. Die Veröffentlichung erregte gewaltiges Aufsehen und Entrüstung. Er erlebte Anfeindungen von anderen Historikern, die ihm prohezeiten, dass es ihm nie gelingen würde, Tell zu töten. Tatsächlich drang seine Geschichtsbetrachtung noch lange nicht in weite Kreise durch. Seine Wirkung in der Geschichtsforschung war jedoch nachhaltig. Die Epoche der neuen Geschichtsschreibung auf der Grundlage der kritischen Quellenforschung hatte nun auch in der Schweiz begonnen. Kopp darf als Bahnbrecher der neueren Geschichtsschreibung bezeichnet werden.

(Vgl. Edgar Bonjour; Richard Feller: Geschichtsschreibung der Schweiz und Guy P. Marchal: Geschichtsbild im Wandel 1782-1982.)

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