san ju

27. November 2009

briggel, der anarchist

Filed under: koepfe,toepfe — Schlagwörter: , , — sanju @ 09:25

Der Briggel 3 aus
Als Briggel (in der gleichnamigen Erzählung von Jakob Bosshart) bemerkt, dass sich sein Bruder und die zukünftige Schwägerin gegen ihn im Hinterstübli verschworen hatten und ihm den Anteil an der Erbschaft vorenthalten wollten, flieht er verzweifelt, fast besinnungslos, in die Nacht hinaus. Als er im Wald wieder zu sich kommt, entledigt er sich als erstes von der Ursache allen Übels, von seinem Geld. Nur wenig Münzen findet er in seiner Geldbörse, aber die wirft er voller Abscheu in den nahen Sumpf. Gleichzeitig schwört er, in seinem Leben nie mehr Geld anzurühren.
Als er später als Einsiedler zwischendurch bei den Bauern als Mäher aushilft, nimmt er tatsächlich kein Geld als Lohn an. Die Bäuerin, eine gute Frau, die eine grosse Not ahnte, packte ihm zwei schwere Brotlaibe in eine Sack aus kölnisch Tuch, zwängte eine Schnitte Rauchspeck und gedörrte Apfelschnitze hinein….So zog er mit seinem Sack ab, etwas beschämt, etwas bettlerhaft, er wusste nicht recht warum. Auch später, als der Briggel dem Apotheker in der Stadt seine Heilkräuter liefert, lässt er sich nur in Naturalien bezahlen. Der Bote, der für ihn die Geschäfte abwickelt, machte dabei, wie er bemerkte, einen „guten Schnitt“.
Der Briggel 4 aus

Unverkennbar ist in dieser Abscheu vor dem Geld, die antikapitalistische Haltung Jakob Bossharts auszumachen. In seinen Geschichten ist oft vom der unseeligen Auswirkungen des Materialismus die Rede. Am stärksten kommt dies wohl in seinem letzten grossen Werk zum Ausdruck, im Roman Ein Rufer in der Wüste. Schonungslos rechnet er mit Spekulantentum , mit dem unmenschlichen Kapitalismus der Zeit vor und während des 1. Weltkrieges ab. Ein erstaunlich linke Haltung des Bauernsohnes und ehemaligen Kantonsschullehrers. Seine Haltung gegenüber dem Kapitalismus ist jedoch kaum marxistisch begründet. Eher kann ihm eine Verwandtschaft mit der Freiwirtschaftbewegung von Silvio Gesell nachgewiesen werden. Entsprechend lässt Bosshart „seinen“ Rufer in der Wüste zwar einen Rebell, aber kein Revolutionär werden. Die Geschichte seines Helden endet denn auch tragisch, wie viele der Geschichten von Jakob Bossart.

Bibliographische Angaben:

– Jakob Bosshart: Ein Rufer in der Wüste. Gretlein & Co., Zürich, Leipzig 1921 (nach einem Vorabdruck in der NZZ).
– Silvio Gesell: Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld. Selbstverlag, Les Hauts Geneveys 1916.

21. November 2009

briggel, der eremit

Filed under: koepfe,worte — Schlagwörter: , — sanju @ 17:45

Der Briggel 1 aus
Jakob Bosshart (1862-1924) wir oft als Heimatdichter bezeichnet. Er ist jedoch keineswegs ein Dichter, der eine ländliche Idylle beschreibt. Wohl handeln seine Geschichten vorwiegend im ländlichen Milieu des ausgehenden 19. Jahrhunderts; seine Figuren sind jedoch oft Aussenseiter, Knechte und Mägde, verarmte Pächter, tragische Figuren aus den bäuerlichen Umfeld, die in einem aussichtslos scheinenden Kampf gegen ihr Schicksal stehen.
Solch eine tragische Figur ist der Briggel, der Stotterer. Den Übernahmen erhielt er, weil er von seinem brutalen Vater, dem Metzger und Lindenwirt dermassen traumatisiert wurde, dass er sich nur noch stotternd ausdrücken konnte. Nach dem Tod des Vaters erhoffte der Briggel, endlich sein Schicksal selber in die Hand nehmen zu können. Aus dem zu erwartenden Erbe wollte er ein kleines Bauerngut erwerben und anschliessend die schöne Haushälterin heiraten. Sein Bruder Peter dachte allerdings nicht daran, den Briggel auszubezahlen. Wie es schon seit Generationen der Fall war, sollte er, der kräftigere, die Liegenschaft mit Wirtshaus, Metzgerei und Landwirtschaftsbetrieb übernehmen. Für den stotternden Bruder war die Rolle eines billigen Knechtes vorgesehen.
Als Briggel nun auch noch hinnehmen musste, dass Peter erfolgreich um die flotte Haushälterin warb, versuchte er verzweifelt seinem Schicksal zu entrinnen. Mittellos wie er war, floh er in die Wälder der Umgebung. Als Einsiedler zog er sich zurück in eine selbst gebaute Waldhütte. Seinen bescheidenen Lebensunterhalt bestritt er mit dem Verkauf von gesammelten Heilkräutern und Wurzeln. Die Geschichte hat insofern einen guten Ausgang, dass Briggel in der freien Natur das Stottern verlor und im Dorf als Lebensberater ein gewisses Ansehen erlangte.
Der Briggel 5 aus
Jakob Bosshart, der Autor dieser Erzählung, stammt selber aus einem Bauernhof bei Winterthur und wurde später Lehrer. Wegen der Tuberkulose musste er sich vom Schuldienst zurückziehen. 1915 wurde er in ein Lungensanatorium nach Clavadel bei Davos überführt. Hier lernte er den Maler Ernst Ludwig Kirchner kennen. Frau Bosshart stickte einige Kissen nach Entwürfen von Kirchner. Als Bosshart 1923 seine Erzählsammlung „Neben der Heerstrasse“ veröffentlichte, trug Kirchner 23 Holzschnitte bei. Die Illustrationen wurden von den Originalstöcken abgezogen. Ein Exemplar dieser Erstausgabe befindet sich im MoMa in New York, ein anderes ist frei ausleihbar in der ZHB Luzern.

Bibliographische Angaben: Neben der Heerstrasse. Erzählungen von Jakob Bosshart. Mit Holzschnitten von E. L. Kirchner. Verlag von Grethlein & CO. Zürich, Leipzig 1923.

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