san ju

17. September 2009

ein reisläufer gottes

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Martin Schmid Reisläufer Gottes
Ein Reisläufer Gottes: diesen Titel gab Felix Alfred Plattner 1944 der Lebensgeschichte des aus Baar stammenden Jesuiten-Missionars Martin Schmid. Ob die martialische Bezeichnung durch die Kriegszeit bedingt war oder ob sie auf den militärischen Sprachgebrauch der Jesuiten zurückzuführen ist, kann wohl nicht mehr festgestellt werden. Der Autor beklagt sich, dass in Luzern wohl mit dem Löwendenkmal den militärischen Söldner ein Denkmal errichtet worden sei, nicht jedoch den Reisläufern Gottes, die von Luzern aus nach beiden „Indien“ aufgebrochen waren, um die Welt geistig zu erobern. Mit seiner Schrift, die sich in erster Linie auf die Briefe von Martin Schmid beruft, wollte Plattner gleichsam stellvertretend den Innerschweizer Missionaren ein Denkmal setzen.
Was Plattner damals bereits ahnte, ist die Tatsache, dass Martin Schmid sich selber bemerkenswerte Denkmäler gesetzt hatte. Denkmäler, die zwar auch als Touristenattraktionen gelten, im Gegensatz zum Löwendenkmal jedoch zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt worden sind.
San_Javier_church

Martin Schmid (1694-1772), der am Jesuiten-Kollegium in Luzern studiert hatte, machte sich 1726 nach Südamerika auf. Während seines fast 40jährigen Aufenthaltes bei den Chiquito-Indianer im heutigen Bolivien, entpuppte er sich als wahres Genie (auch das ein Buchtitel von Plattner). Schmid betätigte sich nicht nur als Missionar, sonder verfasste unter anderem eine Grammatik in Chiquitano, komponierte geistige Musikwerke und lernte die Indianer, diese Stücke mit selbstangefertigten Instrumenten spielen. Daneben betätigte er sich als Architekt. Die von ihm konstruierten Urwaldkirchen sind es, die ins Welt-Kulturerbe aufgenommen wurden.

Als nach 1767 alle Jesuiten das Land aus politischen Gründen verlassen musste, kehrte Martin Schmid nach Europa zurück. Der mehr als 70järige Pater wurde vorerst für fünfzehn Monate in Cadiz interniert, bevor er nach einem Aufenthalt in Augsburg ans Jesuiten-Kolleg von Luzern zurückkehren konnte. 1772 starb er, gerade ein Jahr bevor der Jesuitenorden aufgelöst wurde.

Bilder:
– Der Reisläufer Gottes ist ein Ausschnitt des Schutzumschlages des gleichnamigen Buches.
– Die Kirche San Javier steht in der Provinz Ñuflo de Chávez, Bolivien. (siehe Wikipedia: Jesuit Missions of the Chiquitos)

Bücher von Felix Alfred Plattner:
– Ein Reisläufer Gottes. Das abenteuerliche Leben des Schweizer Jesuiten P. Martin Schmid aus Baar. Luzern 1944.
– Genie im Urwald. Das Werk des Auslandschweizers Martin Schmid aus Baar. Zürich 1959.

Beachte den Artikel von Delf Bucher in der NZZ vom 7. 3. 2002: Die Jesuiten Missionen im bolivianischen Tiefland (pdf).

15. Mai 2009

indianer in luzern

Filed under: kirchen,koepfe,orte — Schlagwörter: , , — sanju @ 08:34

indianer-in-luzern
Indianer haben Konjunktur. Dies nicht nur wegen des deutschen Finanzministers, der glaubt mit seiner Kavallerie die Schweizer Eingeborenen eingeschüchtert zu haben. Aktuell wird in den nationalen Medien auch des ältesten Luzerner Indianers gedacht. Zu Ehren des Vorort-Apachen Angy Burri wurde in Luzern zu dessen siebzigsten Geburtstag in der Kornschütte eigens eine Ausstellung eingerichtet.
Luzern und Indianer haben allerdings eine lange Tradition. Seit dem späten 17. Jahrhundert, seit 1667 die Jesuitenkirche fertig gestellt war, kniet ein bekehrter Indianer mit Federschmuck und Lendenschurz, ausgerüstet mit Pfeil und Köcher, zu Füssen des Fassadenheiligen Franz Xaver, der als neuer Stadtpatron beschützend auf Reuss und Altstadt blickt. Unlängst hat die Kunsthistorikerin Christine Göttler in einem Vortrag zur Jesuitischen Kultur in Luzern (Die Kunst der Konversion. Antwerpen, die Jesuiten und die neue Welt) auf diese Statue hingewiesen. Erwähnt hat sie dabei auch die Tatsache, dass Franz Xaver wohl von Indien bis nach China missionierte, dass er jedoch nie einen leibhaftigen Indianer zu Gesicht bekommen hatte. Dass die Jesuiten es nicht nur als ihre Aufgabe anschauten, in Übersee Seelen zu fischen, sondern auch die einheimischen Indianer missionieren wollten, auf das weisst der Historiker Dominik Sieber hin. Er bietet zur Zeit an der Universität Zürich ein Seminar an mit dem Titel: „Eigene Indianer. Barocke Volkskulturen in Luzern und der Innerschweiz“.

Christine Göttler: Novissima: Art and Religious Practice in the Age of Reform (Veröffentlichung demnächst).
Dominik Sieber: Jesuitische Missionierung, priesterliche Liebe, sakramentale Magie. Volkskulturen in Luzern 1563-1614. Basel 2005.

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