san ju

21. September 2008

luzern: eine stadt der geschichtsforscher?

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Wenn man durch die Strassen von Luzern spaziert, so trifft man auf erstaunlich viele Hinweise auf Luzerner Historiker. So gibt es etwa die Kasimir-Pfyffer-Strasse, den Philipp-Anton-von-Segesser-Platz, den Liebenau- und den Blathasar-Weg. Zusätzlich werden die wichtigsten Luzerner Chronisten in Strassennamen gewürdigt. Es gibt die Etterlin-, die Diebold-Schilling- und die Cysat-Strasse.
Dem für die nationale Geschichtsschreibung wohl wichtigsten Luzerner Historiker Joseph Eutych Kopp ist allerdings weder eine Strasse noch ein Platz gewidmet. Immerhin ist an seinem ehemaligen Wohnhaus am Mühleplatz, im Eingangsbereich zum Restaurant Mama Leone, eine Erinnerungstafel angefügt.

Eutych Kopp wurde 1793 in Beromünster geboren, studierte alte Sprachen in Freiburg im Br. und Paris. Er war von 1819 bis zu seinem Tode im Jahr 1866 Lehrer am Lyzeum von Luzern. Gelegentlich betätigte sich Kopp als Dramatiker und er beteiligte sich zeitweise als konservativer Katholik an de Politik. Daneben war er immer auch an der Geschichte interessiert. So verfasste er 1828 eine Kurzfassung der Schweizer Geschichte von Johannes von Müller für „Schulen und Liebhaber“. 1829 machte er dem Schultheissen von Luzern den Vorschlag, zur 500-Jahr-Feier des Beitritt Luzerns zur Eidgenossenschaft von 1332 eine Gedenkschrift zu verfassen. Zu diesem Zweck begab er sich in die Archive und studierte die Urkunden. Er fand eine völlig andere Geschichte vor, als die welche ihm von Tschudi, von Baltasar und Johannes von Müller vermittelt worden war. Er erkannte, dass die sagenumwobene Geschichte der frühen Eidgenossenschaft vor den Fakten im Archiv nicht standhielt. Für den Rütlischwur, Tell und den bösen Gessner sah er keinen Platz mehr in der Geschichte. Ein Perspektivenwechesl sei angesagt. Nicht von der gewordenen Eidgenossenschaft, sondern von der werdenden müsse die Geschichte betrachtet werden und diese Sicht könne nur auf historischen Fakten beruhen.
Die für 1832 geplante Festschrift erschien nicht, stattdessen veröffentlichte Kopp 1835 ein Bändchen mit Urkunden zur Geschichte der eidgenössischen Bünden. Die Veröffentlichung erregte gewaltiges Aufsehen und Entrüstung. Er erlebte Anfeindungen von anderen Historikern, die ihm prohezeiten, dass es ihm nie gelingen würde, Tell zu töten. Tatsächlich drang seine Geschichtsbetrachtung noch lange nicht in weite Kreise durch. Seine Wirkung in der Geschichtsforschung war jedoch nachhaltig. Die Epoche der neuen Geschichtsschreibung auf der Grundlage der kritischen Quellenforschung hatte nun auch in der Schweiz begonnen. Kopp darf als Bahnbrecher der neueren Geschichtsschreibung bezeichnet werden.

(Vgl. Edgar Bonjour; Richard Feller: Geschichtsschreibung der Schweiz und Guy P. Marchal: Geschichtsbild im Wandel 1782-1982.)

31. Juli 2008

1927年8月1日凌晨: erster august ohne eidgenossen

Filed under: koepfe,worte — Schlagwörter: , , — sanju @ 08:00

Was der Schweizer Historiker Roger Sablonier in seinem neusten Werk ausführlich darlegt, nämlich eine Gründungszeit ohne Eidgenossen hat einiges Echo in der Presse ausgelöst. Nicht nur bewertet Sablonier die Ereignisse um die Schlacht von Morgarten ganz anders, als es die Geschichtsschreibung seit dem Späten Mittelalter tat und wie sie zum Teil bis heute in der Schulbuchliteratur und in der Schlachtenfeier-Romantik dargestellt sind – aus dem Befreiungskampf wird ein Überfall beutegieriger Schwyzer mit Erfahrung in fremden Diensten-, er rüttelt auch massiv an einem anderen Eidgenössischen Mythos, am ersten August. Dass nie ein Gründungsakt auf dem Rütli stattgefunden hat, scheint in Fachkreisen schon lange bekannt zu sein. Der Bundesbrief von 1291, dürfte sogar erst um 1309 geschrieben worden sein. (Folgt auf das Habsburgerjahr 2008 das Eidgenossenjahr 2009?)

Nach diesen „Enthüllungen“ ist es nicht verwunderlich, dass nun andere Länder den ersten August als nationalen Feiertag in Anspruch nehmen. Am ersten August vor 81 Jahren fand in China ein für die neuere Geschichte bedeutendes Ereignis statt, der Nanchang-Aufstand von 1927 (南昌起义/南昌起義, Nánchāng qǐyì ). An diesem Tag revoltierten kommunistische Kräfte unter der Führung von Zhou Enlai und anderen gegen die Streitkräfte der Kuomintang und kontrollierten für einige Tage die Stadt Nanchang. Der Tag des Nanchang-Aufstand wird als Beginn des Bürgekrieges und der daraus gewachsenen grossen chinesischen Revolution gefeiert. Der erste August, der Gründungstag der chinesischen Volksbefreiungsarmee, ein Gründungsmythos ohne Eidgenossen.

2. Juli 2008

dem geschichtsinteressierten „verwandten“

Filed under: worte — Schlagwörter: — admin @ 11:01

gründungszeit ives
Am 27. Juni hat der Historiker Roger Sablonier (Foto in der LZ) sein neues Buch „Gründungszeit ohne Eidgenossen“ im Bundesbriefmuseum Schwyz vorgestellt. Wohl nicht zufällig wurde dieser Ort gewählt, wird dort doch das Kernstück des schweizerischen Gründungsmythos, der Bundesbrief von 1291, als Nationalreliquie aufbewahrt. Notwendig sei das Buch geworden, weil seit längerer Zeit keine quellengestütze Untersuchung zur Zeit um 1300 mehr vorliegen und weil in den letzten Jahren ein Paradigmenwechsel zur Gründungsgeschichte eingeleitet worden sei. Sablonier weisst in seiner Einleitung auf andere Schweizer Historiker hin, die in ähnlicher Richtung arbeiten (etwa Bernhad Stettler und Guy Marchal). Sablonier kündigt für die Darstellung der „Gründerzeit“ einen eigentlichen Perspektivenwechsel an. Nicht aus der Sicht der Eidgenossenschaft, wie sie im 15. Jahrhundert entstanden und im 19. Jahrhundert verklärt worden sei, soll die Zeit um 1300 betrachtet werden, sondern aus der Zeit heraus. Zudem sollen die Entwicklungen der Innerschweiz in eine grösseren europäisch alpinen Zusammenhang gestellt werden.
Bereits das Vorwort ist spannend geschrieben. Ich freue mich, den Perspektivenwechsel im Rest des Buches mitverfolgen zu können.

Die Gestaltung des Buches lag in den Händen von Yves. Ihm kann ich verdanken, dass ich unverhofft zum Titel des geschichtsinteressierten „Verwandten“ (so die von Laura eingeholte Widmung) gekommen bin. Nun bin ich mit zwei emeritierten Professoren verwandt: mit dem blutsvewandten Joseph Jurt und dem sogenanntverwandten Roger Sablonier.

(das Bild ist ein Ausschnitt einer Reliefkarte mit eingetragenen Vermessungspunkten und ist dem Buch „Gründungszeit ohne Eidgenossen“ entnommen)

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