san ju

18. April 2010

vulkanwolke über der schweiz

Filed under: orte,worte — Schlagwörter: , , , — sanju @ 12:29


Vor bald zweihundert Jahren, am 5. April 1815, kam es auf einer Insel im fernen Indonesien zu einem gewaltigen Vulkanausbruch. Fünf Tage später explodierte dann der Vulkan Tambora mit solcher Gewalt, dass das Donnern in 2000 km Entfernung zu hören war. Die Eruption schleuderte eine Unmenge von vulkanischem Material in die Lüfte. Der Vulkanausbruch wirkte sich verheerend aus für die lokale Bevölkerung. Es sollen mehr als 70’000 Menschen im Aschenregen ihr Leben verloren haben. Ein grosser Teil der Vulkanwolke breitete sich in der Atmosphäre aus und hatte weltweite Auswirkungen für das Klima, Auswirkungen, die bis nach Luzern zu spüren waren.
Die Nachwirkungen der Vulkanexplosion machten sich auf der ganzen nördlichen Erdhalbkugel mit einer spürbaren Abkühlung bemerkbar. Das Jahr 1816 ging als das „Jahr ohne Sommer“ in die Klimageschichte ein. Betroffen waren vor allen der Nordosten Amerikas sowie Westeuropa, besonders der süddeutsche Raum, Vorarlberg,
Tirol und die Schweiz. Nach einem späten Frühling folgte ein kurzer Sommer und ein früher Winter. Es kam zu erheblichen Ernteausfällen. Die Folgen waren eine Verknappung der Lebensmittel und ein enormer Preisanstieg für das Getreide. Die Krise von 1816 weitete sich im folgenden Jahr in gewissen Teilen der Schweiz zu einer eigentlichen Katastrophe aus. In der Ostschweiz sollen 1817 an die 5000 Personen an den Folgen der Hungersnot gestorben sein.

Auch Luzern und die Innerschweiz waren von der Klimaveränderung stark betroffen. Der Sommer 1816 war so kalt und niederschlagreich, dass die Getreideernte auf ein Drittel des Normalertrages zurückging. Älpler mussten ihr Vieh wegen Schneefalls immer wieder ins Tal fahren. Die Kartoffelernte fiel wegen des nassen Wetters äusserst gering aus. Die Ernteausfälle hatten eine massive Teuerung zur Folge. Die Getreidepreise stiegen unaufhaltsam. Gemessen am Vorjahr erhöhte sich der Preis für Weizen und Brot am Luzerner Markt an die 400 Prozent.
Hauptbetroffen von der Ernährungskrise war die ärmere Bevölkerung, für die Brot und Kartoffeln schon bald unerschwinglich wurde. Der Amtmann vom Entlebuch meldete nach Luzern, dass manche Familien sich nur noch von Ziegenmilch ernährten. Vom Amt Willisau trafen Berichte ein, dass sich einige Leute nur noch mit Kräutern und Buchenlaub am Leben hielten. In der Stadt Luzern wurde von privater Seite eine Suppenanstalt eingerichtet, um die Not der ärmeren Bevölkerung etwas zu mildern. Trotz gewisser Hilfsmassnahmen stieg die Sterbequote in Luzern erheblich. Ein Nebenfolge war der Anstieg der Kriminalität. Vor allem Anklagen wegen Diebstahls häuften sich. Im Sommer 1817 waren die Gefängnisse von Luzern so überfüllt, dass von Seuchengefahr die Rede war.
Die Massnahmen der Obrigkeit, um die Not der Bevölkerung zu lindern, blieben bescheiden. Verbrechensbekämpfung war wichtiger als Massnahmen zur Linderung der Hungersnot. Im April 1817 beschloss die Luzerner Regierung immerhin, in Norditalien und Südfrankreich Getreide und Reis einzukaufen. Die Lieferungen trafen jedoch erst ein, als bereits ein Ende der Hungerkrise absehbar war.

Literatur:
– Heidi Bossard-Borner: Im Banne der Revolution. Luzern 1998. S. 323-333.
– Louis Specker: Die grosse Heimsuchung. Das Hungersjahr 1816/17 in der Ostschweiz. St. Gallen 1993/1995.
– Charles R. Harington: The Year Without a Summer? World Climate in 1816. Ottawa 1992.

Das Bild der Ostschweizer Künstlerin Anna Barbara Giezendanner (1831-1905) stellt hungernde Menschen dar, die gemeinsam mit dem Vieh am Grasen sind.

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