san ju

25. August 2010

120 meter höhendifferenz

Filed under: kirchen,koepfe,orte — Schlagwörter: , , , , — sanju @ 07:53

Geplant war eine kleine Velotour von Luzern nach Sempach-Station, genaugenommen zum Weiler Adelwil. Ich wählte die gut ausgeschildert Radroute Nr. 3 aus. Ausgangs Emmen wurde ich durch ein Hinweisschild vor der drohenden Steigung gewarnt: 120 Meter Höhenunterschied auf den nächsten 8 Kilometern. Untrainiert wie ich bin, kam ich recht ins Schwitzen und war froh, als ich den Turm der Kirche Bertiswil sah. Er gab mir Anlass für einen Zwischenhalt. Die Kirche Bertiswil steht etwas ausserhalb von Rothenburg Richtung Rain. Sie wurde erstmals im 12. Jahrhundert erwähnt und nach 1500 wesentlich umgebaut und vergrössert. Die äussere Form hat sich in den letzten 500 Jahren unwesentlich verändert. Vor allen der Kirchturm mit dem charakteristischen Giebeldach gibt der Kirche ihr mittelalterliches Gepräge.

Im Chorraum sind beachtliche Fresken aus dem frühen 16. Jahrhundert wieder freigelegt worden. Sonst hat die Ausstattung des Innenraumes seit dem späten Mittelalter doch einige Änderungen erfahren. Die Altäre stammen aus dem Barock, der Hauptaltar von 1688, die Seitenaltäre von 1700. Das Zentrum des Hauptaltares bildet eine Pièta, Maria mit dem geschundenen Jesus auf ihrem Schoss. Auf den zwei seitlichen Konsolen stehen Jakobus und die hübsche Maria Magdalena.

An den beiden Seitenansichten des Tabernakels sind zwei spät-gotische Reliefs angebracht. Auf ihnen sind die vierzehn Nothelfer dargestellt.

Die vierzehn Nothelfer erlebten seit dem 14. Jahrhundert eine immer grössere Beliebtheit in der Volksfrömmigkeit. Zur gleichen Zeit als die Kirche von Bertiswil neu erbaut wurde, war im ganzen Gebiet des Kanton Luzerns eine rege Kirchenbautätigkeit im Gange. Gleichzeitig war ein Anstieg der Heilgenverehrung und des lokalen Wallfahrtswesen zu beobachten. Die Nothelfer waren oft das Ziel von Verehrungen; wohl auch deshalb, weil mit ihnen die verschiedensten Bedürfnisse abgedeckt waren. Längst ist nicht mehr vielen bekannt, für welche Krankheiten und Wünschen welcher der Heiligen angerufen werden kann.
Erasmus, auf dem Bild der erste oben links, hilft bei Krämpfen und Koliken; Dionysius bei Kopfweh und schlechtem Gewissen; Eustachius bei Trauerfällen; Achatius bei Todesangst. In der unteren Reihe sind die drei nach Maria am meisten verehrten Heiligen dargestellt. Barbara, die erste unten links, schützt vor Blitz und Feuersbrunst; Katharina ist Beschützerin aller Mädchen und Frauen und hilft bei Sprachschwierigkeiten. Margareta schliesslich verhilft zu einer guten Geburt und beschleunigt allgemein die Wundheilung.

Das Relief mit der zweiten Hälfte der vierzehn Nothelfer beginn mit einem für das späte Mittelalter äusserst wichtigen Heiligen, mit Christopherus. Ihn rief man an, damit man nicht unerwartet den Tod fand. Neben ihm ist ein Bischof dargestellt. Obwohl er die Insignien von Nikolaus trägt, dürfte sich um Blasius handeln. Dieser war zuständig für alle Halserkrankungen. Neben ihm steht Pantaleon, der Patron der Hebammen und Ärzte. Die zweite Reihe beginnt mit dem Drachentöter St. Georg. Er konnte bei verschiedensten Anliegen angesprochen werden. So schützte er vor Pest und Krieg, galt aber auch als Beschützer der Haustiere. Den Abschluss bilden Vitus (Veit), der Helfer bei Geisteskrankheit, Cyriacus, der Beistand in der Todesstunde und Ägidius, der gerne von stillenden Müttern angerufen wurde.

Nach dem kulturhistorisch überraschenden Kirchenbesuch (vlg. Eintrag im HLS) mussten nun noch die letzten Höhenmeter Richtung Sandblatten bewältigt werden. Nach kaum einem Kilometer wies mich der nächsten sakralen Wegbegleiter, ein imposantes Wegkreuz, auf die Abzweigung nach Sempach hin. Von jetzt an ging es auf einer kaum befahrenen Nebenstrasse fast nur noch begab. Gerne tauschte ich einige der gewonnenen Höhenmeter mit einer leichten Abfahrt. Mein Ziel war Adelwil, ebenfalls ein Wallfahrtsort der vierzehn Nothelfer.

13. Oktober 2008

hochsicherheitstrakt zhb luzern

Filed under: worte — Schlagwörter: , , , — sanju @ 18:32


Es braucht einige Erfahrung um im alten Bibliothekskatalog (Bücher bis 1983), das gewünschte Buch zu finden. Bücher mit Druckdatum vor 1900 können dabei nicht ausgeliehen werden und dürfen nur im Lesesaal gesichtet werden. Noch ältere Werke und natürlich die Handschriften werden nur im Sondersammlungs-Lesesaal vorgelegt.
Ich meldete mich zur Sichtung einiger Flugschriften aus der Reformationszeit an. Bei der erstmaligen Benutzung des Sonderlesesaals werden die Benutzungsordung und ein Bleistift vorgelegt. Zur Erfassung der Personalien wird ein Personalausweis mit Foto verlangt. Von jetzt weg ist man sozusagen unter freundlicher Bewachung des Bibliothekspersonals eingeschlossen vor seinem Buch. Nur wenn die „Bewacherin“ den entsprechenden Knopf betätigt, kann man den Raum wieder verlassen und draussen etwas Luft schnappen.
Es ist natürlich ein spezielles Gefühl, ein fast fünfhundertjähriges Schriftstück in den Händen zu halten. Das fängt schon auf der ersten Seite an, wenn man den Eintrag des Vorbesitzers (Joseph Anton Felix Balthasar, wie mir Herr Kamber freundlich erklärte) betrachtet, der vor mehr als 200 Jahren mit geschwungener Schrift ein Inhaltsverzeichnis begann. Noch spezieller ist es, wenn man die eigentliche Flugschrift vor sich hat. Um 1522 wird jemand die Antwurt des bruoder Conrad Schmids mit Interesse gelesen haben. Das sieht man schon daran, wie dieser erste Leser mit spitzer Feder Randbemerkungen angefügt hatte.

Seit 1522 ist die kleine Flugschrift von Conrad Schmid nur selten mehr betrachtet worden. In Schweizer Bibliotheken sind bis heute noch etwa zehn Exemplare zu finden; eines davon in Luzern. Alle diese Originale sind gut verschlossen und können selbstverständlich nur mit Sondererlaubnis gelesen werden. Eine (Roh-)Fassung der 23-seitigen Schrift ist ab heute elektronisch abrufbar.

15. Juli 2008

ein baur auß dem entlibuch

Filed under: koepfe,worte — Schlagwörter: , , — sanju @ 07:50

ein baur aus dem entlibuchDieser Tage bin ich von Ralf darauf aufmerksam gemacht worden, dass die Bayerische Staatsbibliothek die Flugschrift vom gestryfften Schwytzer Baur aus dem Jahre 1522 frisch digitalisiert und aufs Netz gestellt hat.
Ich bin dieses Jahr schon mehrmals auf diese Flugschrift gestossen. Zufällig fand ich sie vor etwa einem halben Jahr im Katalog der Uni-Bibliothek Basel verzeichnet (Der gestryfft Schwitzer Baur. Disz büchlin hat gemacht ein Baur ausz dem Entlibuch, Wem es nit gefall der küsz im die bruch, Basel 1522). Der angebliche Autor der Schrift, ein Baur auß dem Entlibuch, interessierte mich, stamme ich doch mütterlicherseits selber aus dem Entlebuch. Ich begann zu recherchieren. Als erstes fand ich einen Artikel aus dem Jahre 1910 in der amerikanischen Zeitschrift Modern Philology unter dem Titel German Pamphleteers of the Sixteenth Century. Danach wurde ich aufmerksam auf die Doktorarbeit von Verena Schmid Blumer aus dem Jahr 2004. Unter dem Titel Ikonographie und Sprachbild. Zur reformatorischen Flugschrift „Der gestryfft Schwitzer Baur“ setzt sie sich eingehend mit der Schrift auseinander. Die Flugschrift mit der Darstellung der Diskussion zwischen dem auf dem Esel sitzenden Mönch und dem gestreiften Bauern auf dem Titelblatt war dann einer der ersten Beiträge auf meinem Blog. Später hielt ich dann tatsächlich eines der Originale aus dem frühen 16. Jahrhundert in den Händen. Der Zuger reformiert gesinnte Geistliche Werner Steiner hatte sich die Flugschrift nach 1522 erworben. Sie liegt heute eingebunden mit anderen Flugschriften aus der Reformationszeit in der Zentralbibliothek Zürich. Später fand ich dann heraus, dass auch im Staatarchiv Luzern ein Exemplar der Schrift von Pamphilus Gengenbach liegt, aber auch in Weimar, Wolfenbüttel, Halle, Mainz, Berlin… Nachdem diese Schrift nun sogar in München publiziert wurde, ist anzunehmen, dass sie schon zur Entstehungszeit weit verbreitet war.

Der Bauer aus dem Entlebuch scheint Geschichte gemacht zu haben.

30. Mai 2008

fisch oder wurst

Filed under: fische,wuerste — Schlagwörter: , , — admin @ 16:57

Während der Fastenzeit 1522 fand in Zürich ein Wurstessen statt, das in die Geschichte eingehen sollte und als das „Urdatum der Zürcher Reformation“ gilt. Zwingli war 1519 als Leutpriester nach Zürich gewählt worden. Seine reformatorischen Predigten hatten grossen Zulauf. Einigen seiner Anhänger, ging es zu wenig schnell vorwärts. Sie trafen sich beim Buchdrucker Froschauer zum Bibellesen und zum Diskutieren. Am ersten vorösterlichen Fastensonntag 1522 (9. März ) vereinigten sich dort einige zu einem demonstrativen Fastenbrechen. Zwei Würste wurden unter die Anwesenden aufgeteilt und Froschau Murner Plan 1576verspiesen. Das Vergehen wurde ruchbar und Froschauer wurde vor den Rat bestellt. Er verteidigte sich einerseits mit dem Hinweis auf Zwinglis Predigten und anderseits mit dem Arbeitsdruck, unter dem seine Gesellen gestanden hatten. Sie hätten Tag und Nach arbeiten müssen, um die Aufträge für die Frankfurter Messe beenden zu können. Mus allein sei zu wenig nahrhaft und Fisch zu teuer gewesen: Do mag ich (es) mit minem husgesind mit muos, und sunst nüt, nit erzügen; und fisch vermag ich nit aber allwegen ze koufe.“ Der Rat verurteilte zwar das Fastenbrechen, zeigte sich aber konziliant. Zwingli verteidigte das Wurstessen zwei Wochen später in einer Predigt, die dann unter dem Titel „Von erkiesen und fryheit der spysen : Von ergernus und verböserung : Ob man gwalt hab die spysen zu etlichen zyten verbieten meynung Huldrichi Zvinglij zu Zürich geprediget jm M.D.XXII. Jar“ veröffentlicht wurde (bei Froschauer). Diese Schrift gilt als erste reformatorische Schrift Zwinglis. Die Reformation wurde in der Schweiz nicht mit Fischen sondern mit Würsten eingeleitet.

1. April 2008

Der gestryfft Schwitzer Baur

Filed under: worte — Schlagwörter: , , — admin @ 16:54

gestryfft baur

die druckschrift vom gestreiften schweizer bauern erschien 1522 in basel bei Pamphilus Gengenbach. dass der text von einem bauern aus dem entlebuch verfasst wurde, ist eher unwahrscheinlich. mit dem mönch auf dem esel könnte der elsässer kapuziner Thomas Murner gemeint sein.

 

Powered by WordPress