san ju

23. Januar 2010

revolutionsgericht: papet vaudois

Filed under: toepfe,wuerste — Schlagwörter: , — sanju @ 06:46

papet vaudois
Eroberer lassen nicht selten nach ihrer Vertreibung Geschenke zurück. Oft sind diese kulinarischer Art. Denken wir nur an die vielen Rezepte, die die osmanischen Eroberer auf dem Balkan bis nach Österreich hinterlassen haben. Was wäre die griechische Küche ohne Souflaki und Mousaka, die exjugosalwische ohne Burek und Cevapcici. Hier haben sich die von Invasoren hinterlassenen Rezepte zu Nationalgerichten entwickelt. Nicht anders verhält es sich in der Schweiz. Die alten Helvetier waren bis zur Eroberung durch die Römer in der Käseherstellung noch unbedarft. Erst die römischen Legionäre – oder allenfalls die lateinischsprachigen Mönche- gaben der verdickten Milch den Namen (lateinisch caseus = Käse). Wir Schweizer gaben der Welt (oder wenigsten den Franzosen) den Käse in der Form von Petit-suisses wieder weiter. Es ist also nicht nur so, dass besetzte Länder fremde Rezepte annehmen; oft läuft der Rezeptaustausch auch umgekehrt. In Frankreich hat sich das nordafrikanische Couscous zu einem Nationalgericht entwickelt wie in Grossbritannien das Chicken tikka masala.

Wie verhält es sich nun mit dem Papet vaudois? Ist es eine Adaption der Berner Platte oder ein nachrevolutionärer Export in die Resteidgenossenschaft? Tatsächlich soll im Waadtland der Tag der Révolution Vaudoise  (Befreiung von der Besetzung durch Bern am 24. Januar 1798) nicht nur mit dem waadländische Nationalgericht Papet vaudois (Potée vaudoise aux poireaux) sondern traditionsgemäss auch etwa mit einem choucroute garnie, also mit einer Bernerblatte, gefeiert werden.
mise en place

Mise en place

  • 2-3 Saucisses aux choux (Jean-Claude hatte sie aus seiner Waadtländer Heimat mitgebracht)
  • ca. 750 g Lauch (eventuell Bleichlauch)
  • 1 Esslöffel Fett (Öl)
  • 2-3 dl Bouillon
  • 1 dl Weisswein (und mindestens 1 Glasl für den Koch)
  • 4-6 Kartoffeln (eher weichkochende)
  • 1 Zwiebel
  • Pfeffer

lauch

Die fein geschnittene Zwiebel dünsten wir im heissen Öl an und fügen den geputzten, in ca. 4 cm grosse Stücke geschnittenen Lauch bei. Das Ganze löschen wir mit einem Glas Weisswein (natürlich aus dem Waadtland) und zwei Gläser Bouillon ab. Nach zehn Minuten fügen wir die in grobe Würfel geschnittenen Kartoffeln bei.

eintopf

Nach weiteren zehn Minuten werden die Würste obenauf gelegt und bei kleiner Hitze etwa eine halbe Stunde ziehen gelassen.

teller

Am Schluss wird das ganze noch mit Saltz und Pfeffer abgeschmeckt. Die Kartoffeln dürfen leicht verkocht sein, sodass die Flüssigkeit gebunden ist. Nachdem die Wurst nach dem ersten Einschneiden einen guten Teil des Saftes verspritzt hat, wird sie mit Genuss aus der Hülle gedrückt und mit dem Lauch-Kartoffelgericht und einem Glas Weisswein verspiesen.

Vive la révolution vaudoise! Vive le 24e janvier!

19. Januar 2010

schwesterchen marit

Filed under: enkel — Schlagwörter: , , , — sanju @ 10:33

Am Sonntag 17. Januar ist im ländlichen Wolferdingen ein kleines Mädchen zur Welt gekommen. Nur gerade zehn Tage nach der Geburt von Cousin Ariel in Zürich. Mit der Schwester Giorgina freuen sich auch die Cousinen und Cousins. Zusammen mit der kleinen Marit Ida sind sie jetzt schon zu siebt.

9. Januar 2010

ariel: wieder ein knabe

Filed under: enkel — Schlagwörter: , , , — sanju @ 17:09

ariel_lino

Fast wäre er einer der drei Könige geworden. Jetzt ist mit Ariel Lino am 7. Januar 2010 ein kleiner Engel auf die Welt gekommen. Mit uns freuen sich seine Schwester Emilie und mindestens drei Cousinen und ein Cousin.

ariel_emilie

28. Dezember 2009

ex voto in maria rickenbach

Filed under: kirchen,orte — Schlagwörter: , — sanju @ 13:36

ex voto gefangenentransport

Gefangenentransport nach Basel 1799

ex voto Geburt 1833

Wöchnerin 1833

ex voto 1673 seenot

Seenot 1673

ex voto 1807

Nasenbluten 1807

ex voto zwei Faruen 1798

Zwei Frauen, die sich 1798 mit ihren fünf Kindern erfolgreich vor den Franzosen verstecken konnten

ex voto frau im bett mit mut kniendem mann 1859

Kniender Mann am Bett von Frau und Kind 1859

Bevor wir uns nach dem weihnächtlichen Spaziergang im Pilgerhaus von Maria Rickenbach bei einem heissen Tee aufwärmten, wollten wir noch die von aussen etwas schmucklos wirkende Wallfahrts-Kirche besichtigen. Wir waren dann überrascht von der Anzahl Votivtafeln, die im Inneren an den Seitenwänden aufgehängt waren. Ein wahrer kulturhistorischer Schatz ist hier zu besichtigen. Seit mehreren Jahrhunderten wurden hier Exvoto-Bilder aufgehängt als Erinnerung und Dank an die Mutter Gottes Maria, die hier offenbar seit dem 16. Jahrhundert verehrt wird. Im Eingangsbereich kommt die politische Gesinnung zum Ausdruck, der die Wallfahrtsstätte verpflichtet scheint. So ist auf einem Fenster ein Bild aus der Reformationszeit mit einer Bildersturmszene dargestellt. Gegenüber ist eine Mehrfach-Exvototafel mit einer Darstellung eines Gefangenentransportes aus der Zeit der Helvetik aufgehängt. Auf zwei Pferdewagen werden etwa zwei Dutzend Innerschweizer von französischen Soldaten in die Haft auf den Hauenstein abgeführt. Im Inneren dominieren Tafeln mit persönlichem Inhalt. Oft sind es Wöchnerinnen, die mit ihren Kleinkindern im Bett liegen und wohl für eine glückliche Geburt danken. Auf anderen Bildern wird gedankt, dass ein Unfall glimpflich abgelaufen ist; so etwa in der Darstellung eines umgekippten Heuwagens. Auf einem anderen Bild ist dargestellt, wie jemand von zweyen Unholden mörderisch angegriffen wurde und dank der Fürbitte gerettet wurde.

(Bei den abgebildeten Votivtafeln handelt es sich um Ausschnitte. Fotografiert am 26. Dezember 2009 in der Kirche Maria Rickenbach NW)

21. Dezember 2009

basteln vor weihnachten

Filed under: orte — Schlagwörter: , — sanju @ 10:10

Basteln

Als besorgter Hausvater hohlt man schon einige Tage vor Weihnachten die Krippe aus dem Keller zu einer Kontrolle. Sind noch alle Krippenfiguren vorhanden? Muss man etwa das Dach reparieren, Batterie und Birnchen der Stalllaterne ersetzen? Daneben gilt es abzuklären, ob neue Figuren zugekauft oder mit der Laubsäge neu erstellt werden sollen.
Dieses Jahr habe ich mich aus aktuellem Anlass für eine bauliche Erweiterung der Krippe entschlossen. Der etwas ärmlichen Stall soll mit einem schmucken Turm ergänzt werden. Auf der Suche nach Vorlagen erhielt ich von Laura einen Hinweis auf ein Do minaret yourself eines Genfer Grafikateliers, von wo aus ich eine Vorlage herunterladen konnte.
Es war dann doch harte Bastelarbeit am vierten Adventsonntag-Nachmittag. Ein Minarett zu erstellen erwies sich doch um etwas schwieriger als ein Minarett abzulehnen. Die Mühe wird sich jedoch gelohnt haben, wenn ich die leuchtenden Kinderaugen sehen werde, die dann am Weihnachtsabend gebannt auf die Krippenerweiterung blicken werden.

Minarett

11. Dezember 2009

zachor: erinnere dich!

Filed under: koepfe,worte — Schlagwörter: , — sanju @ 10:35

yerushalmi
Vor wenigen Tagen, am 8. Dezember 2009, starb in New York der amerikanische Historiker Yosef Hayim Yerushalmi im Alter von 77 Jahren.

Yerushalmi, geboren 1932, lehrte an der Columbia University von New York mittelalterliche und moderne Geschichte. Sein Essay Zachor: Erinnere Dich! ist wohl sein international am meist beachtetes Werk, sein eigentlicher Forschungsschwerpunkt lag jedoch in der Geschichte der iberischen Juden und deren zwangsgetauften Nachkommen, der Marranos. Seine erste grössere Veröffentlichung war From Spanish Court to Italian Ghetto (1971); es ist die Geschichte von Isaac Cardoso, einem spanischen Marranen mit portugiesischer Abstammung, der in Italien wieder zum Judentum zurückfindet. Eine andere wichtige Untersuchung widmete Yerushalmi dem Massaker von Lissabon und dessen Rezeption unter dem Titel The Lisbon massacre of 1506 and the Royal Image in the Shebet Yehudah. (1976). Neben seinen Schriften um das sefardischen Judentum und zu den Marranen wurde auch seine Abhandlung zu Sigmund Freud: Freuds Moses (1991) breit rezipiert (und trug ihm von Derrida den Vorwurf ein, er habe versucht, Freud erneut zu beschneiden).

Ich selber bin nicht wegen den geschichtstheoretischen Arbeiten auf Yerushalmi aufmerksam geworden, sondern in erster Linie wegen seinen Schriften zum portugiesischen Judentum. Vom ersten Augenblick an war ich vom Scharfsinn und von der Schreibweise Yerushalmi’s begeistert. Seine Forschungsarbeiten sind so spannend geschrieben, dass sogar die Lektüre der Fussnoten Spass bereiten.

Wie mir Prof. Dr. Verena Lenzen mitteilte, hatte sie vor wenigen Jahren Yosef Hayim Yerushalmi zu einer Gastvorlesung an die Universität Luzern eingeladen. Yerushalmi habe jedoch aus gesundheitlichen Gründen abgesagt. Jetzt ist er, offenbar nach längerer Krankheit, in seiner Geburtsstadt New York verschieden.

(Vgl. die Würdigung von Nicolas Weill in Le Monde vom 11.12.2009)

Einige Werke von Yerushalmi:
– Sefardica. Essais sur l’histoire des juifs, des marranes et des nouveaux-chrétiens. Paris 1998.
– Ein Feld in Anatot. Versuche über jüdische Geschichte. Berlin 1993.
– Freuds Moses. Endliches und unendliches Judentum. Berlin 1992. (voraus das Portrait entnommen ist)
– Zachor Erinnere Dich! Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis. Berlin 1988.
– De la cour d’Espagne au ghetto italien. Isaac Cardoso et le marranisme au XVII. siècle. Paris 1987.

7. Dezember 2009

araber und sarazenen in zug

Filed under: koepfe — Schlagwörter: , , — sanju @ 09:27

Maerlisonntag Zug
Wegen einer Sarazenin sind wir nach Zug gefahren. Auf das gleichnamige Bild von Alexej Jawlensky (1865-1930) sind wir in der Presse aufmerksam geworden. Es wird im Rahmen der Ausstellung „Der Schatz am Zugersee“ bis zum 7. März im Zuger Kunsthaus gezeigt. Neben diesem einzigen Bild von Jawelensky sind einige anderen Bilder aus der Sammlung Kamm zu sehen. Neben Werken der klassischen Moderne wie (Gustav Klimt, Egon Schiele, August Macke und Oskar Schlemmer, u.a.) sind uns vor allem ein frühes Selbstportrait von Ernst Ludwig Kirchner und eine schöne Auswahl seiner Holzschnitte aus der Davoser Zeit ins Auge gefallen. Ein wirklich lohnenswerter Museumsbesuch im kleinen, gemütlichen Kunsthaus in Zug.
Als wir nach dem Museumsbesuch durch die Altstadt von Zug spazierten, sind wir dann auf eine interessante Szenerie gestossen. Einige verkleidete Araber führten Kinder auf Kamelen durch die Altstadtgassen. Diesmal schienen die Muslime offenbar keine Ängste in der Bevölkerung ausgelöst zu haben (In der Stadt Zug wurde die Minarettinitiative zu 52% abgelehnt, im Kanton jedoch zu 56% angenommen). Nach der Kamelbesichtigung verliessen wir Zug und den Märlisonntag.
Zurück in Luzern wichen wir dem Samichlaus-Auszug aus. Hier ging es etwas heimischer zu und her. Angeführt wurde der Auszug vom türkisch-stämmigen Nikolaus. Begleitet wurde der Bischof von Demre (Myra) von den volkstümlichen, urschweizerischen (und von der SVP so geliebten) Treichlern und Geisselklöpfern (Minartettinitiative Stadt Luzern 57% Ablehnung, Kanton Luzern 61% Zustimmung).

AlexejJawlenskySarazenin1912 aus

Bild oben: Beduinen und Kamele in der Altstadt von Zug
Bild unten: Alexej Jawlensky: Die Sarazenin (Ausschnitt), 1912. Kunsthaus Zug, Stiftung Sammlung Kamm

29. November 2009

kalter wind in lappersfort

Filed under: orte — Schlagwörter: , , , — sanju @ 08:21


Ein illegaler* Wald soll in Lappersfort, einem Ort im Süden von Brügge (Belgien), abgeholzt werden, um auf diesem Gelände ein Industriebau aufzustellen. Gegen dieses Vorhaben haben sich Umweltaktivisten unter den Namen de GroenFront bisher erfolgreich gewehrt. In den Bäumen wurden Baumhütten erstellt und eine Abwehrorganisation gegen die Holzfäller und Bagger wurde eingerichtet. Ein nächstes Ultimatum zum Verlassen des Geländes läuft am 30. November ab. Die Grüne Front scheint jedoch zuversichtlich zu sein, denn bereits für das nächste Wochenende wird zu einem Kletter-Workshop eingeladen (workshops on eviktion and aktion related stuff, including climbing, tunneling, lockons, freeclimbing etc.).
Eine dieser Kletterinnen wird zweifellos Rebekka sein (vorausgesetzt, das Waldcamp ist dann noch im Betrieb).

*Der Wald von Lappersdorf wird als illegal, papierlos, bezeichnet, weil er nach dem zweiten Weltkrieg auf den Gelände einer stillgelegten Fabrik sozusagen ohne Erlaubnis gewachsen ist. Die Umweltaktivisten, stellen sich auf den Standpunkt, dass in Brügge und in ganz Belgien genügend Industriebrache für Neubauten vorhanden sei, sodass es widersinnig sei, einen neu gewachsenen Wald zu zerstören. Auf der Homepage von Lappersfort sind genauere Informationen und der Anfahrplan für Unterstützer zu finden (Vistitors and occupiers are always welcome!).

27. November 2009

briggel, der anarchist

Filed under: koepfe,toepfe — Schlagwörter: , , — sanju @ 09:25

Der Briggel 3 aus
Als Briggel (in der gleichnamigen Erzählung von Jakob Bosshart) bemerkt, dass sich sein Bruder und die zukünftige Schwägerin gegen ihn im Hinterstübli verschworen hatten und ihm den Anteil an der Erbschaft vorenthalten wollten, flieht er verzweifelt, fast besinnungslos, in die Nacht hinaus. Als er im Wald wieder zu sich kommt, entledigt er sich als erstes von der Ursache allen Übels, von seinem Geld. Nur wenig Münzen findet er in seiner Geldbörse, aber die wirft er voller Abscheu in den nahen Sumpf. Gleichzeitig schwört er, in seinem Leben nie mehr Geld anzurühren.
Als er später als Einsiedler zwischendurch bei den Bauern als Mäher aushilft, nimmt er tatsächlich kein Geld als Lohn an. Die Bäuerin, eine gute Frau, die eine grosse Not ahnte, packte ihm zwei schwere Brotlaibe in eine Sack aus kölnisch Tuch, zwängte eine Schnitte Rauchspeck und gedörrte Apfelschnitze hinein….So zog er mit seinem Sack ab, etwas beschämt, etwas bettlerhaft, er wusste nicht recht warum. Auch später, als der Briggel dem Apotheker in der Stadt seine Heilkräuter liefert, lässt er sich nur in Naturalien bezahlen. Der Bote, der für ihn die Geschäfte abwickelt, machte dabei, wie er bemerkte, einen „guten Schnitt“.
Der Briggel 4 aus

Unverkennbar ist in dieser Abscheu vor dem Geld, die antikapitalistische Haltung Jakob Bossharts auszumachen. In seinen Geschichten ist oft vom der unseeligen Auswirkungen des Materialismus die Rede. Am stärksten kommt dies wohl in seinem letzten grossen Werk zum Ausdruck, im Roman Ein Rufer in der Wüste. Schonungslos rechnet er mit Spekulantentum , mit dem unmenschlichen Kapitalismus der Zeit vor und während des 1. Weltkrieges ab. Ein erstaunlich linke Haltung des Bauernsohnes und ehemaligen Kantonsschullehrers. Seine Haltung gegenüber dem Kapitalismus ist jedoch kaum marxistisch begründet. Eher kann ihm eine Verwandtschaft mit der Freiwirtschaftbewegung von Silvio Gesell nachgewiesen werden. Entsprechend lässt Bosshart „seinen“ Rufer in der Wüste zwar einen Rebell, aber kein Revolutionär werden. Die Geschichte seines Helden endet denn auch tragisch, wie viele der Geschichten von Jakob Bossart.

Bibliographische Angaben:

– Jakob Bosshart: Ein Rufer in der Wüste. Gretlein & Co., Zürich, Leipzig 1921 (nach einem Vorabdruck in der NZZ).
– Silvio Gesell: Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld. Selbstverlag, Les Hauts Geneveys 1916.

21. November 2009

briggel, der eremit

Filed under: koepfe,worte — Schlagwörter: , — sanju @ 17:45

Der Briggel 1 aus
Jakob Bosshart (1862-1924) wir oft als Heimatdichter bezeichnet. Er ist jedoch keineswegs ein Dichter, der eine ländliche Idylle beschreibt. Wohl handeln seine Geschichten vorwiegend im ländlichen Milieu des ausgehenden 19. Jahrhunderts; seine Figuren sind jedoch oft Aussenseiter, Knechte und Mägde, verarmte Pächter, tragische Figuren aus den bäuerlichen Umfeld, die in einem aussichtslos scheinenden Kampf gegen ihr Schicksal stehen.
Solch eine tragische Figur ist der Briggel, der Stotterer. Den Übernahmen erhielt er, weil er von seinem brutalen Vater, dem Metzger und Lindenwirt dermassen traumatisiert wurde, dass er sich nur noch stotternd ausdrücken konnte. Nach dem Tod des Vaters erhoffte der Briggel, endlich sein Schicksal selber in die Hand nehmen zu können. Aus dem zu erwartenden Erbe wollte er ein kleines Bauerngut erwerben und anschliessend die schöne Haushälterin heiraten. Sein Bruder Peter dachte allerdings nicht daran, den Briggel auszubezahlen. Wie es schon seit Generationen der Fall war, sollte er, der kräftigere, die Liegenschaft mit Wirtshaus, Metzgerei und Landwirtschaftsbetrieb übernehmen. Für den stotternden Bruder war die Rolle eines billigen Knechtes vorgesehen.
Als Briggel nun auch noch hinnehmen musste, dass Peter erfolgreich um die flotte Haushälterin warb, versuchte er verzweifelt seinem Schicksal zu entrinnen. Mittellos wie er war, floh er in die Wälder der Umgebung. Als Einsiedler zog er sich zurück in eine selbst gebaute Waldhütte. Seinen bescheidenen Lebensunterhalt bestritt er mit dem Verkauf von gesammelten Heilkräutern und Wurzeln. Die Geschichte hat insofern einen guten Ausgang, dass Briggel in der freien Natur das Stottern verlor und im Dorf als Lebensberater ein gewisses Ansehen erlangte.
Der Briggel 5 aus
Jakob Bosshart, der Autor dieser Erzählung, stammt selber aus einem Bauernhof bei Winterthur und wurde später Lehrer. Wegen der Tuberkulose musste er sich vom Schuldienst zurückziehen. 1915 wurde er in ein Lungensanatorium nach Clavadel bei Davos überführt. Hier lernte er den Maler Ernst Ludwig Kirchner kennen. Frau Bosshart stickte einige Kissen nach Entwürfen von Kirchner. Als Bosshart 1923 seine Erzählsammlung „Neben der Heerstrasse“ veröffentlichte, trug Kirchner 23 Holzschnitte bei. Die Illustrationen wurden von den Originalstöcken abgezogen. Ein Exemplar dieser Erstausgabe befindet sich im MoMa in New York, ein anderes ist frei ausleihbar in der ZHB Luzern.

Bibliographische Angaben: Neben der Heerstrasse. Erzählungen von Jakob Bosshart. Mit Holzschnitten von E. L. Kirchner. Verlag von Grethlein & CO. Zürich, Leipzig 1923.

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