san ju

13. Oktober 2008

hochsicherheitstrakt zhb luzern

Filed under: worte — Schlagwörter: , , , — sanju @ 18:32


Es braucht einige Erfahrung um im alten Bibliothekskatalog (Bücher bis 1983), das gewünschte Buch zu finden. Bücher mit Druckdatum vor 1900 können dabei nicht ausgeliehen werden und dürfen nur im Lesesaal gesichtet werden. Noch ältere Werke und natürlich die Handschriften werden nur im Sondersammlungs-Lesesaal vorgelegt.
Ich meldete mich zur Sichtung einiger Flugschriften aus der Reformationszeit an. Bei der erstmaligen Benutzung des Sonderlesesaals werden die Benutzungsordung und ein Bleistift vorgelegt. Zur Erfassung der Personalien wird ein Personalausweis mit Foto verlangt. Von jetzt weg ist man sozusagen unter freundlicher Bewachung des Bibliothekspersonals eingeschlossen vor seinem Buch. Nur wenn die „Bewacherin“ den entsprechenden Knopf betätigt, kann man den Raum wieder verlassen und draussen etwas Luft schnappen.
Es ist natürlich ein spezielles Gefühl, ein fast fünfhundertjähriges Schriftstück in den Händen zu halten. Das fängt schon auf der ersten Seite an, wenn man den Eintrag des Vorbesitzers (Joseph Anton Felix Balthasar, wie mir Herr Kamber freundlich erklärte) betrachtet, der vor mehr als 200 Jahren mit geschwungener Schrift ein Inhaltsverzeichnis begann. Noch spezieller ist es, wenn man die eigentliche Flugschrift vor sich hat. Um 1522 wird jemand die Antwurt des bruoder Conrad Schmids mit Interesse gelesen haben. Das sieht man schon daran, wie dieser erste Leser mit spitzer Feder Randbemerkungen angefügt hatte.

Seit 1522 ist die kleine Flugschrift von Conrad Schmid nur selten mehr betrachtet worden. In Schweizer Bibliotheken sind bis heute noch etwa zehn Exemplare zu finden; eines davon in Luzern. Alle diese Originale sind gut verschlossen und können selbstverständlich nur mit Sondererlaubnis gelesen werden. Eine (Roh-)Fassung der 23-seitigen Schrift ist ab heute elektronisch abrufbar.

2 Comments »

  1. Höchst interessant, wie kommt man dazu solch exquisite Werke besichtigen zu dürfen? Ich würde zu gern solche Schriften bestaunen können bzw anfassen (platte Neugier eines modernen Kindes). Ich stelle das unglaublich spannend vor und würde darauf achten keinerlei Schaden an diesen altehrwürdigen Werken anzurichten. Toll.

    lg Chan von TheJunction

    Kommentar by Chan TheJunction — 27. Oktober 2008 @ 23:58

  2. Hallo Chan,

    Bibliotheken und Archive sind voll von solchen und ähnlichen Schriften. Freundliche Mitarbeiter öffnen dir gerne ihre Schatzkisten, vor allem dann, wenn du ein wissenschaftliches Interesse nachweisen kannst.
    Immer mehr von Drucken aus dem 16. Jahrhundert sind nun auch in digitaler Form auf dem Netz zu finden. Den Geruch und das Geräusch von Papier können diese jedoch nicht vermitteln.

    San Ju

    Kommentar by sanju — 28. Oktober 2008 @ 11:04

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