san ju

16. September 2008

unsere liebe frau vom wesemlin

Filed under: koepfe,orte — Schlagwörter: , , , — admin @ 18:11


Erst kürzlich wurde mir bekannt, dass der Bibliothekskatalog des Kapuzinerkloster Wesemlin in Luzern online abrufbar ist. So erfuhr ich, dass dort eine recht seltene Flugschrift des Franziskaner Thomas Murner liegt. Nach Absprache mit Christian Schweizer konnte ich in das „Christliche Bärentestament“, das 1528 in Luzern gedruckt wurde, Einsicht nehmen. Thomas Murner war von 1525 bis 1529 Lesemeister im Franziskanerkloster Luzern. Er hatte sich dort eine Druckerei eingerichtet, um seine antireformatorischen Schriften drucken und verbreiten zu können.

Die Gründungslegende des Pilgerortes „Unserer Lieben Frau vom Wesemlin“ ist ebenfalls aus diesem gegenreformatorischen Geist heraus entstanden. Auf Wesemlin soll zu jener Zeit eine kleine Wegkapelle mit dem Bildnis der Maria gestanden haben, das jedoch 1513 von neugläubigen Frevlern zerstört worden sei. An Pfingsten 1531, ein Tag nachdem die reformierten Stände eine Proviantsperre gegen die katholischen Orte ausgesprochen hatten, begab sich Mauritz von Mettenwyl zur zerstörten Kapelle. Dort sah er, wie Maria, mit ihrem Kind im rechten Arm, mit der Sonne hinter ihr und mit dem Mond unter ihren Füssen, in Begleitung von einigen Engeln eine Viertelstunde lang über dem Ort schwebte. Die Erscheinung soll sich am Pfingstmontag im Beisein der ganzem Mettenwyl-Familie ein zweites und letztes Mal wiederholt haben. Das Marienerscheinung war die Grundlage für den Schlachtenhelfermythos, der nach der Schlacht bei Kappel (1531) entstanden war.

Es vergingen darauf 25 Jahre bis 1556 eine neue Marienkapelle geweiht wurde. Die Mettenwyl-Kapelle entwickelte sich zu einem vielbesuchten lokalen Pilgerort. Als nach weiteren 30 Jahren auf Wesemlin das Kapuzinerkloster erbaut wurde, sollen laut Renward Cysat schon mehr als zwanzig Krücken im Kapellenraum gehangen haben. Diese Krücken sowie wächserne und metallische Votivbilder waren die sichtbaren Zeichen für die Wunderkraft des Ortes.

Heute hat das Wesemlin weitgehend die Anziehungskraft als Pilgerort eingebüsst. Der Ort selber strahlt jedoch weiterhin etwas Besinnliches und Ruhiges aus. Die Bronzefigur „Frau mit Kind“ von Markus Vogel, die gegenüber der von der Kirchenfassade herunterblickenden Maria aufgestellt ist, verstärkt diesen Eindruck auf eindrückliche Weise.

(Zu Luzern als Pilgerort vgl. den Aufsatz von Ursula Ganz-Blättler: „Dass die strassen erbessert sigen, ouch die herbergen bereit…“, zu Murner: Max Scherrer: „Des alten christlichen Bären Testament“)

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