san ju

30. Mai 2008

fisch oder wurst

Filed under: fische,wuerste — Schlagwörter: , , — admin @ 16:57

Während der Fastenzeit 1522 fand in Zürich ein Wurstessen statt, das in die Geschichte eingehen sollte und als das „Urdatum der Zürcher Reformation“ gilt. Zwingli war 1519 als Leutpriester nach Zürich gewählt worden. Seine reformatorischen Predigten hatten grossen Zulauf. Einigen seiner Anhänger, ging es zu wenig schnell vorwärts. Sie trafen sich beim Buchdrucker Froschauer zum Bibellesen und zum Diskutieren. Am ersten vorösterlichen Fastensonntag 1522 (9. März ) vereinigten sich dort einige zu einem demonstrativen Fastenbrechen. Zwei Würste wurden unter die Anwesenden aufgeteilt und Froschau Murner Plan 1576verspiesen. Das Vergehen wurde ruchbar und Froschauer wurde vor den Rat bestellt. Er verteidigte sich einerseits mit dem Hinweis auf Zwinglis Predigten und anderseits mit dem Arbeitsdruck, unter dem seine Gesellen gestanden hatten. Sie hätten Tag und Nach arbeiten müssen, um die Aufträge für die Frankfurter Messe beenden zu können. Mus allein sei zu wenig nahrhaft und Fisch zu teuer gewesen: Do mag ich (es) mit minem husgesind mit muos, und sunst nüt, nit erzügen; und fisch vermag ich nit aber allwegen ze koufe.“ Der Rat verurteilte zwar das Fastenbrechen, zeigte sich aber konziliant. Zwingli verteidigte das Wurstessen zwei Wochen später in einer Predigt, die dann unter dem Titel „Von erkiesen und fryheit der spysen : Von ergernus und verböserung : Ob man gwalt hab die spysen zu etlichen zyten verbieten meynung Huldrichi Zvinglij zu Zürich geprediget jm M.D.XXII. Jar“ veröffentlicht wurde (bei Froschauer). Diese Schrift gilt als erste reformatorische Schrift Zwinglis. Die Reformation wurde in der Schweiz nicht mit Fischen sondern mit Würsten eingeleitet.

3 Comments »

  1. Kann mir San Ju bestätigen, daß die Redewendung: „Das ist mir Wurscht“ aus jener Zeit stammt in dem Sinn, daß im Falle von „Wurst Würsten“ eine Sache mit eben derselben Gleichgültigkeit wie damals in Zürich betrachtet wird ?
    Ralf

    Kommentar by Ralf — 30. Mai 2008 @ 17:47

  2. Eine andere Redewendung, die auch heute noch gerne von Festredner verwendet wird, könnte aus dieser Zeit stammen: „lange Würste, kurze Reden“. Bei Zwingli war jedoch das Gegenteil der Fall. Er gab an, bei Froschauer gar nichts von den Würsten probiert zu haben, hielt dafür aber eine umso längere „Wurstpredigt“.

    San Ju

    Kommentar by San Ju — 30. Mai 2008 @ 17:57

  3. Kommentar von Joseph

    kurze Reden, lange Bratwürste

    1995 organisierte ich im Frankreich-Zentrum ein Kolloquium zu ‚France-Algérie-Islam‘, an dem auch Pierre Bourdieu und Olivier Christin teilnahmen. In meiner kurzen Einleitung erinnerte ich an das Schweizer Diktum ‚Des discours courts, mais de saucisses longues‘. Das gefiel vor allem Olivier Christin. Später war er als Reformationshistoriker in Freiburg zu einem Vortrag eingeladen war, brachte deswegen den Text von Zwingli über die Würste zur Analyse mit.

    Jo

    Kommentar by Jo — 4. Juni 2008 @ 20:31

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