san ju

21. April 2010

verdunkelter himmel und schöpferischer geist

Filed under: orte,worte — Schlagwörter: , , , — sanju @ 16:20

Von William Turner wird gesagt, er sei durch die Sonnenaufgangs- und Sonnenuntergangsstimmungen der Jahre 1816/1817 in seiner Malweise wesentlich beeinflusst worden. In diesen Jahren seien die Lichtverhältnisse durch die in der Atmosphäre schwebende Vulkanasche aus Indonesien eigentümlich getrübt gewesen. Die Explosion des Tambora als Quelle der künstlerischen Imagination?

Am Genfersee soll die Vulkanasche, beziehungsweise die daraus resultierende Klimaverschlechterung, ebenfalls Einfluss auf das kreative Verhalten einiger Engländer ausgeübt haben. Lord Byron, der sich im Frühjahr 1816 in Cologny bei Genf eine Villa gemietet hatte, verfasste, angeregt durch die atmosphärisch finstere Stimmung über dem See, sein berühmtes Gedicht Darkness. Da Byron wegen des anhaltend nasskalten Wetters nur beschränkt Ausflüge machen konnte, kam er zusammen mit dem ebenfalls anwesenden englische Schriftsteller Percy Shelley und dessen Geliebte Mary überein, sich gegenseitig Gruselgeschichten zu erzählen. Eine der erzählten Geschichten wurde die Grundlage von Mary Shelleys Roman Frankenstein oder Der moderne Prometheus, der 1818 das erste Mal erschien. Der Tambora als Quelle literarischer Inspiration?

Man mag einiges dem Vulkanausbruch in Indonesien zuschreiben, vieles bleibt reine Spekulation. Byron war schon vor der Eruption für seine oft melancholische Schreibweise bekannt. Die Traurigkeit seiner im Sommer 1816 entstanden Gedichte sind wohl eher seiner tiefen Depression als dem Wetter zuzuschreiben. Ob die berühmten Bilder Turners mit dem diffusen Licht tatsächlich auf seine Eindrücke im Vulkansommer 1816 zurückzuführen sind, bleibt mehr als umstritten. Eher scheint er durch seine neuen Erfahrungen des mediterranen Lichtes geprägt worden zu sein. Beide, Turner und Byron werden kaum etwas vom Ausbruch des Tamboras mitbekommen haben. Ein Zusammenhang zwischen der Vulkanwolke und der Klimaverschlechterung wurde erst um 1920 festgestellt. Ein anderes Ereignis aus dem Jahr 1815 war für beide viel wichtiger, die Niederlage Napoleons. Sie hatte für die die Engländer erhebliche Auswirkungen, weil nun endlich die Kolonialsperre aufgehoben wurde und sie wieder frei reisen konnte.
Lord Byron verliess England im Frühjahr 1816, besuchte zuerst das Schlachtfeld von Waterloo und reiste anschliessend nach Genf, um dort wie andere Engländer auch, den Sommer zu verbringen. Turner reiste 1817 auf den Spuren von Turner ebenfalls nach Waterloo und anschliessend dem Rhein entlang. Im Jahr 1819 konnte er endlich seine lang verhinderte erste Italienreise antreten. Sie führte ihn über Mailand, Venedig und Rom nach Neapel, wo er einen Ausbruch des Vesuv erlebte. Mit circa 1500 Skizzen und einem neuen Lichtkonzept kehrte er im Februar 1820 nach London zurück. Byron verliess die Schweiz bereits im Herbst 1816 und zog weiter nach Italien. Von Ravenna aus schrieb er 1821 in einem Brief nach England:
Die Schweiz ist ein verdammt selbstsüchtiges Sauland von Tölpeln, das in der romantischsten Gegend der Welt liegt. Ich konnte ihre Einwohner nie ausstehen…
Es war also nicht nur das Wetter, das Byron zum Verlassen der Schweiz bewog.

Vgl:
– Inge Herold: Turner auf Reisen. München 1997.
– Hans-Ulrich Mielsch: Sommer 1816. Lord Byron und die Shelleys am Genfer See. Zürich 1998.

Das Bild von der blauen Rigi malte Willilam Turner 1842, als er sich anlässlich einer Schweizerreise für einige Wochen in Luzern aufhielt.

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