san ju

29. Juli 2011

ferienbeginn

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“Arbeit ist Leben, Nichtstun der Tod” und “Schaffen und Streben ist der Götter Gebot”. Diese zwei Leitsätze an einem alten Haus sind wohl angebracht worden, bevor Luzern eine Touristenstadt und bevor der Ferien- und Freizeitkult zu einer Selbstverständlichkeit geworden war.
Oder sind sie Fresken gerade deshalb angebracht worden, weil die Luzerner Jugend die Freizeit allzu sehr genoss?

(Fresken am Hintereingang des ehemaligen Jesuitengymnasiums von Luzern. Erbaut 1729-1731)

6. Oktober 2010

presseschau im herbst

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Herbst ist es. Es raschelt im Blätterwald.

Kati Moser: Poesie des Alltags: Bericht über Laura Jurt, in der Schweizer Illustrierten vom 4. Oktober 2010.

Joseph Jurt: Die Eroberung des Mutes: Begegnung mit Claude Lanzmann, in der BaZ vom 1. Oktober 2010.

22. September 2010

grüne schreib- und rechenkünste

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Der grünen Partei der Schweiz gebe ich jeweils bei Wahlen meine Stimme, weil ich einzelne Exponenten persönlich kenne oder sie sympathisch finde. Nicht immer reagiert die Partei dann so, wie ich es von ihr erwarte. Die grösste Enttäuschung erfuhr ich bei der EWR-Abstimmung -lange ist’s her-, als dank ihrer Stimmen die SVP den Sieg errang. Dieses unzuverlässige Verhalten hat sich ja mittlerweile etwas geändert. Die Grünen sind sogar soweit, dass sie sich eine eigene Bundesrätin zutrauen. Tapfer, obwohl sie rechnerisch keine Chancen hatten, gaben sie bis zum dritten Wahlgang der Bundesratswahl von 2011 ihrer Kandidatin Brigit Wyss die Stimme. Als ihre Kandidatin ausschied, verliessen einige der 28  grünen Wähler (22 davon wohl Parteimitglieder)  die Kräfte für den letzten Wahlgang.

  • zwei mussten unbedingt auf die Toilette (fehlende Stimmzettel)
  • vieren versagte die Hand (leere Stimmzettel)
  • fünfen gingen die richtigen Worte aus (ungültige Stimmzettel)
  • vier wechselten zum SVP-Kandidaten (globales Welschland?)
  • acht wechseln zu Karin Keller-Sutter (Feministen?)
  • fünf entschieden sich für Schneider-Ammann (Kapitalisten?)

So zuverlässig ist das Wahlverhalten meiner grünen Vertreter, dass sie sich nicht scheuen,einem SVPler die Stimme zu geben, um allenfalls eine fünfte Frau im Bundeshaus zu verhindern. Für mich sind das verschwendete Stimmen, genauso wie die leeren und ungültigen und auch ein Zeichen einer gewissen Unreife. Ich werde mich bei den nächsten Wahlen von anderen Parlamentarier vertreten lassen.

Bild: Grüne Aussichten vom Napf.

20. August 2010

paella al libre albedrio

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¡Oh insigne sinfonía de todos los colores!
O herrlich Symphonie aller Farben
O illustre Paella!
Dein Äusseres prangt in bunter Bluse,
Dein Innerstes brennt in jungferlichen Ängsten.
O buntes Farbengericht,
Das man, bevor man es kostet, mit den Augen verzehrt!

Paella nach Lust und Laune

Zum ersten Geburtstag vom kleinen Efrem gab es diesmal Paella nach Lust und Laune (al libre albedrio). Die Freiheit bestand darin, dass der Geflügel- und Meeresfrüchtezwang aufgehoben wurde. Endlich mal eine Paella, an der sich auch die Vegetarier erlaben konnten (und zwar nicht nur mit den Augen). Die Zutaten können entsprechend nach Lust und Laune und je nach Saison variiert werden. Für die abgebildete Paella (Pfannendurchmesser 68cm) habe ich folgende Zutaten ausgewählt:

Zutaten für ca. 25 Personen

  • 3-4 Zwiebeln
  • 1 Knoblauch
  • 2 Artischocken
  • 4-5 Peperoni (verschiedene Farben)
  • 3 Zucchetti
  • 2-3 Rübli
  • 2 kl. Broccoli
  • 1 Pfund Coco-Bohnen
  • 4-5 Tomaten
  • 1 kl. Aubergine
  • 1 Litert trockener Weisswein
  • 2-3 dl Olivenöl
  • 4-5 Liter Bouillon
  • 2 kg Risotto-Reis
  • Lorbeerblatt, Peterli, etwas Kreuzkümmel
  • Salz, Paprika, Pfeffer, Safran

Mise en Place

Zubereitung:

In separater Pfanne 4-5 Liter (Gemüse-)Bouillon aufwärmen.

Safran in einem kleinen Glas in Bouillon auflösen.

Rübli in feine Stifte, Peperoni in Dreiecke und Cocobohnen in 4cm grosse Stücke schneiden. Artischocken von den äusseren Blättern und den Spitzen befreien und achteln. Alles zusammen mit ein paar Knoblauchzehen in Olivenöl andämpfen und danach aus der Paella-Pfanne heben.

In Scheiben geschnittene Zucchetti und Auberginen und die Broccoli-Röschen ebenfalls andämpfen und separat aus der Pfanne nehmen.

Zwiebeln und weitere Knoblauchzehen in die Pfanne geben, Tomaten hinzufügen und im Öl andämpfen. Peperoni-Bohnen-Rübli-Artischocken-Gemüse beigeben und durchdämpfen. Reis einstreuen mit dem Gemüse mischen und mit Wein und der warmen Bouillon ablöschen. Safran, Paprika, Peterli und andere Gewürze beigeben. Zum letzten Mal durchmischen. Eventuell nachsalzen und dem Koch ein, zwei Glas Weisswein zubilligen.

Den kochenden Reis mit der Zucchetii-Auberginen-Brokkoli-Mischung belegen und die Hitze reduzieren.

Die Paella etwa 15 Minuten leise kochen lassen. Wenn der Reis fast weich ist, die Pfanne vom Feuer nehmen, die Paella mit Alufolie und einigen Zeitungen zudecken und das Ganze etwa fünf Minuten ruhen lassen.

Jetzt bleibt noch Zeit, das vorbereitete Fleisch und die Würste auf den Grill zu legen, damit auch die Nicht-Vegetarier auf ihre Rechnung kommen. Zur Paella passen gut verschieden Salate.

(14. August 2010, Reussmatt, Luzern)

PS: Das pathetische Paella-Gedicht ist dem Krimi Tahiti liegt bei Barcelona von Manuel Vázquez Montalbán (Die Meere des Südens, ISBN 3-492-23149-7 Pick It! ) entnommen.

Fachmännischer Beobachter

30. Juni 2010

der geist am berg

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Im Literaturclub des Schweizer Fernsehens vom 29. Juni wurde das neue Buch von Tim Krohn und Laura Jurt vorgestellt. Nun ist es auch im Buchhandel erhältlich. Wir sind natürlich gespannt auf die Bilder von Laura.

Einen Kommentar haben wir schon aufgeschnappt:
»Das ist äusserst schöne knappe Prosa, sehr dicht geschrieben, mit tollen Bildern.«
Carlo Bernasconi, Schweizer Buchhandel

21. April 2010

verdunkelter himmel und schöpferischer geist

Abgelegt unter: orte, worte — Schlagwörter:, , , — sanju @ 16:20

Von William Turner wird gesagt, er sei durch die Sonnenaufgangs- und Sonnenuntergangsstimmungen der Jahre 1816/1817 in seiner Malweise wesentlich beeinflusst worden. In diesen Jahren seien die Lichtverhältnisse durch die in der Atmosphäre schwebende Vulkanasche aus Indonesien eigentümlich getrübt gewesen. Die Explosion des Tambora als Quelle der künstlerischen Imagination?

Am Genfersee soll die Vulkanasche, beziehungsweise die daraus resultierende Klimaverschlechterung, ebenfalls Einfluss auf das kreative Verhalten einiger Engländer ausgeübt haben. Lord Byron, der sich im Frühjahr 1816 in Cologny bei Genf eine Villa gemietet hatte, verfasste, angeregt durch die atmosphärisch finstere Stimmung über dem See, sein berühmtes Gedicht Darkness. Da Byron wegen des anhaltend nasskalten Wetters nur beschränkt Ausflüge machen konnte, kam er zusammen mit dem ebenfalls anwesenden englische Schriftsteller Percy Shelley und dessen Geliebte Mary überein, sich gegenseitig Gruselgeschichten zu erzählen. Eine der erzählten Geschichten wurde die Grundlage von Mary Shelleys Roman Frankenstein oder Der moderne Prometheus, der 1818 das erste Mal erschien. Der Tambora als Quelle literarischer Inspiration?

Man mag einiges dem Vulkanausbruch in Indonesien zuschreiben, vieles bleibt reine Spekulation. Byron war schon vor der Eruption für seine oft melancholische Schreibweise bekannt. Die Traurigkeit seiner im Sommer 1816 entstanden Gedichte sind wohl eher seiner tiefen Depression als dem Wetter zuzuschreiben. Ob die berühmten Bilder Turners mit dem diffusen Licht tatsächlich auf seine Eindrücke im Vulkansommer 1816 zurückzuführen sind, bleibt mehr als umstritten. Eher scheint er durch seine neuen Erfahrungen des mediterranen Lichtes geprägt worden zu sein. Beide, Turner und Byron werden kaum etwas vom Ausbruch des Tamboras mitbekommen haben. Ein Zusammenhang zwischen der Vulkanwolke und der Klimaverschlechterung wurde erst um 1920 festgestellt. Ein anderes Ereignis aus dem Jahr 1815 war für beide viel wichtiger, die Niederlage Napoleons. Sie hatte für die die Engländer erhebliche Auswirkungen, weil nun endlich die Kolonialsperre aufgehoben wurde und sie wieder frei reisen konnte.
Lord Byron verliess England im Frühjahr 1816, besuchte zuerst das Schlachtfeld von Waterloo und reiste anschliessend nach Genf, um dort wie andere Engländer auch, den Sommer zu verbringen. Turner reiste 1817 auf den Spuren von Turner ebenfalls nach Waterloo und anschliessend dem Rhein entlang. Im Jahr 1819 konnte er endlich seine lang verhinderte erste Italienreise antreten. Sie führte ihn über Mailand, Venedig und Rom nach Neapel, wo er einen Ausbruch des Vesuv erlebte. Mit circa 1500 Skizzen und einem neuen Lichtkonzept kehrte er im Februar 1820 nach London zurück. Byron verliess die Schweiz bereits im Herbst 1816 und zog weiter nach Italien. Von Ravenna aus schrieb er 1821 in einem Brief nach England:
Die Schweiz ist ein verdammt selbstsüchtiges Sauland von Tölpeln, das in der romantischsten Gegend der Welt liegt. Ich konnte ihre Einwohner nie ausstehen…
Es war also nicht nur das Wetter, das Byron zum Verlassen der Schweiz bewog.

Vgl:
- Inge Herold: Turner auf Reisen. München 1997.
- Hans-Ulrich Mielsch: Sommer 1816. Lord Byron und die Shelleys am Genfer See. Zürich 1998.

Das Bild von der blauen Rigi malte Willilam Turner 1842, als er sich anlässlich einer Schweizerreise für einige Wochen in Luzern aufhielt.

18. April 2010

vulkanwolke über der schweiz

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Vor bald zweihundert Jahren, am 5. April 1815, kam es auf einer Insel im fernen Indonesien zu einem gewaltigen Vulkanausbruch. Fünf Tage später explodierte dann der Vulkan Tambora mit solcher Gewalt, dass das Donnern in 2000 km Entfernung zu hören war. Die Eruption schleuderte eine Unmenge von vulkanischem Material in die Lüfte. Der Vulkanausbruch wirkte sich verheerend aus für die lokale Bevölkerung. Es sollen mehr als 70′000 Menschen im Aschenregen ihr Leben verloren haben. Ein grosser Teil der Vulkanwolke breitete sich in der Atmosphäre aus und hatte weltweite Auswirkungen für das Klima, Auswirkungen, die bis nach Luzern zu spüren waren.
Die Nachwirkungen der Vulkanexplosion machten sich auf der ganzen nördlichen Erdhalbkugel mit einer spürbaren Abkühlung bemerkbar. Das Jahr 1816 ging als das “Jahr ohne Sommer” in die Klimageschichte ein. Betroffen waren vor allen der Nordosten Amerikas sowie Westeuropa, besonders der süddeutsche Raum, Vorarlberg,
Tirol und die Schweiz. Nach einem späten Frühling folgte ein kurzer Sommer und ein früher Winter. Es kam zu erheblichen Ernteausfällen. Die Folgen waren eine Verknappung der Lebensmittel und ein enormer Preisanstieg für das Getreide. Die Krise von 1816 weitete sich im folgenden Jahr in gewissen Teilen der Schweiz zu einer eigentlichen Katastrophe aus. In der Ostschweiz sollen 1817 an die 5000 Personen an den Folgen der Hungersnot gestorben sein.

Auch Luzern und die Innerschweiz waren von der Klimaveränderung stark betroffen. Der Sommer 1816 war so kalt und niederschlagreich, dass die Getreideernte auf ein Drittel des Normalertrages zurückging. Älpler mussten ihr Vieh wegen Schneefalls immer wieder ins Tal fahren. Die Kartoffelernte fiel wegen des nassen Wetters äusserst gering aus. Die Ernteausfälle hatten eine massive Teuerung zur Folge. Die Getreidepreise stiegen unaufhaltsam. Gemessen am Vorjahr erhöhte sich der Preis für Weizen und Brot am Luzerner Markt an die 400 Prozent.
Hauptbetroffen von der Ernährungskrise war die ärmere Bevölkerung, für die Brot und Kartoffeln schon bald unerschwinglich wurde. Der Amtmann vom Entlebuch meldete nach Luzern, dass manche Familien sich nur noch von Ziegenmilch ernährten. Vom Amt Willisau trafen Berichte ein, dass sich einige Leute nur noch mit Kräutern und Buchenlaub am Leben hielten. In der Stadt Luzern wurde von privater Seite eine Suppenanstalt eingerichtet, um die Not der ärmeren Bevölkerung etwas zu mildern. Trotz gewisser Hilfsmassnahmen stieg die Sterbequote in Luzern erheblich. Ein Nebenfolge war der Anstieg der Kriminalität. Vor allem Anklagen wegen Diebstahls häuften sich. Im Sommer 1817 waren die Gefängnisse von Luzern so überfüllt, dass von Seuchengefahr die Rede war.
Die Massnahmen der Obrigkeit, um die Not der Bevölkerung zu lindern, blieben bescheiden. Verbrechensbekämpfung war wichtiger als Massnahmen zur Linderung der Hungersnot. Im April 1817 beschloss die Luzerner Regierung immerhin, in Norditalien und Südfrankreich Getreide und Reis einzukaufen. Die Lieferungen trafen jedoch erst ein, als bereits ein Ende der Hungerkrise absehbar war.

Literatur:
- Heidi Bossard-Borner: Im Banne der Revolution. Luzern 1998. S. 323-333.
- Louis Specker: Die grosse Heimsuchung. Das Hungersjahr 1816/17 in der Ostschweiz. St. Gallen 1993/1995.
- Charles R. Harington: The Year Without a Summer? World Climate in 1816. Ottawa 1992.

Das Bild der Ostschweizer Künstlerin Anna Barbara Giezendanner (1831-1905) stellt hungernde Menschen dar, die gemeinsam mit dem Vieh am Grasen sind.

11. Dezember 2009

zachor: erinnere dich!

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yerushalmi
Vor wenigen Tagen, am 8. Dezember 2009, starb in New York der amerikanische Historiker Yosef Hayim Yerushalmi im Alter von 77 Jahren.

Yerushalmi, geboren 1932, lehrte an der Columbia University von New York mittelalterliche und moderne Geschichte. Sein Essay Zachor: Erinnere Dich! ist wohl sein international am meist beachtetes Werk, sein eigentlicher Forschungsschwerpunkt lag jedoch in der Geschichte der iberischen Juden und deren zwangsgetauften Nachkommen, der Marranos. Seine erste grössere Veröffentlichung war From Spanish Court to Italian Ghetto (1971); es ist die Geschichte von Isaac Cardoso, einem spanischen Marranen mit portugiesischer Abstammung, der in Italien wieder zum Judentum zurückfindet. Eine andere wichtige Untersuchung widmete Yerushalmi dem Massaker von Lissabon und dessen Rezeption unter dem Titel The Lisbon massacre of 1506 and the Royal Image in the Shebet Yehudah. (1976). Neben seinen Schriften um das sefardischen Judentum und zu den Marranen wurde auch seine Abhandlung zu Sigmund Freud: Freuds Moses (1991) breit rezipiert (und trug ihm von Derrida den Vorwurf ein, er habe versucht, Freud erneut zu beschneiden).

Ich selber bin nicht wegen den geschichtstheoretischen Arbeiten auf Yerushalmi aufmerksam geworden, sondern in erster Linie wegen seinen Schriften zum portugiesischen Judentum. Vom ersten Augenblick an war ich vom Scharfsinn und von der Schreibweise Yerushalmi’s begeistert. Seine Forschungsarbeiten sind so spannend geschrieben, dass sogar die Lektüre der Fussnoten Spass bereiten.

Wie mir Prof. Dr. Verena Lenzen mitteilte, hatte sie vor wenigen Jahren Yosef Hayim Yerushalmi zu einer Gastvorlesung an die Universität Luzern eingeladen. Yerushalmi habe jedoch aus gesundheitlichen Gründen abgesagt. Jetzt ist er, offenbar nach längerer Krankheit, in seiner Geburtsstadt New York verschieden.

(Vgl. die Würdigung von Nicolas Weill in Le Monde vom 11.12.2009)

Einige Werke von Yerushalmi:
- Sefardica. Essais sur l’histoire des juifs, des marranes et des nouveaux-chrétiens. Paris 1998.
- Ein Feld in Anatot. Versuche über jüdische Geschichte. Berlin 1993.
- Freuds Moses. Endliches und unendliches Judentum. Berlin 1992. (voraus das Portrait entnommen ist)
- Zachor Erinnere Dich! Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis. Berlin 1988.
- De la cour d’Espagne au ghetto italien. Isaac Cardoso et le marranisme au XVII. siècle. Paris 1987.

21. November 2009

briggel, der eremit

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Der Briggel 1 aus
Jakob Bosshart (1862-1924) wir oft als Heimatdichter bezeichnet. Er ist jedoch keineswegs ein Dichter, der eine ländliche Idylle beschreibt. Wohl handeln seine Geschichten vorwiegend im ländlichen Milieu des ausgehenden 19. Jahrhunderts; seine Figuren sind jedoch oft Aussenseiter, Knechte und Mägde, verarmte Pächter, tragische Figuren aus den bäuerlichen Umfeld, die in einem aussichtslos scheinenden Kampf gegen ihr Schicksal stehen.
Solch eine tragische Figur ist der Briggel, der Stotterer. Den Übernahmen erhielt er, weil er von seinem brutalen Vater, dem Metzger und Lindenwirt dermassen traumatisiert wurde, dass er sich nur noch stotternd ausdrücken konnte. Nach dem Tod des Vaters erhoffte der Briggel, endlich sein Schicksal selber in die Hand nehmen zu können. Aus dem zu erwartenden Erbe wollte er ein kleines Bauerngut erwerben und anschliessend die schöne Haushälterin heiraten. Sein Bruder Peter dachte allerdings nicht daran, den Briggel auszubezahlen. Wie es schon seit Generationen der Fall war, sollte er, der kräftigere, die Liegenschaft mit Wirtshaus, Metzgerei und Landwirtschaftsbetrieb übernehmen. Für den stotternden Bruder war die Rolle eines billigen Knechtes vorgesehen.
Als Briggel nun auch noch hinnehmen musste, dass Peter erfolgreich um die flotte Haushälterin warb, versuchte er verzweifelt seinem Schicksal zu entrinnen. Mittellos wie er war, floh er in die Wälder der Umgebung. Als Einsiedler zog er sich zurück in eine selbst gebaute Waldhütte. Seinen bescheidenen Lebensunterhalt bestritt er mit dem Verkauf von gesammelten Heilkräutern und Wurzeln. Die Geschichte hat insofern einen guten Ausgang, dass Briggel in der freien Natur das Stottern verlor und im Dorf als Lebensberater ein gewisses Ansehen erlangte.
Der Briggel 5 aus
Jakob Bosshart, der Autor dieser Erzählung, stammt selber aus einem Bauernhof bei Winterthur und wurde später Lehrer. Wegen der Tuberkulose musste er sich vom Schuldienst zurückziehen. 1915 wurde er in ein Lungensanatorium nach Clavadel bei Davos überführt. Hier lernte er den Maler Ernst Ludwig Kirchner kennen. Frau Bosshart stickte einige Kissen nach Entwürfen von Kirchner. Als Bosshart 1923 seine Erzählsammlung “Neben der Heerstrasse” veröffentlichte, trug Kirchner 23 Holzschnitte bei. Die Illustrationen wurden von den Originalstöcken abgezogen. Ein Exemplar dieser Erstausgabe befindet sich im MoMa in New York, ein anderes ist frei ausleihbar in der ZHB Luzern.

Bibliographische Angaben: Neben der Heerstrasse. Erzählungen von Jakob Bosshart. Mit Holzschnitten von E. L. Kirchner. Verlag von Grethlein & CO. Zürich, Leipzig 1923.

10. September 2009

herr blanc: roman

Abgelegt unter: worte — Schlagwörter:, — sanju @ 08:16

Herr Blanc Roman
“Als Herr Blanc die Wohnung seiner Mutter verließ, die Quartierstraße überquerte und den hellen, fast vollen Mond sah, der allein am Himmel stand, als er, auf der anderen Seite der Straße angekommen, dem steilen Weg folgte, der zuunterst in eine Treppe überging, und den Duft der Sträucher roch, die blühend links und rechts des Weges in den Gärten standen und beinahe ein Dach über ihm bildeten, musste er wieder an den Brief denken.”

“Also setzte er seinen Weg fort, folgte der Straße, die weiter vorn in die Hauptstraße mündete, wo die Busse fuhren, und da verstand er auf einmal, dass sein Verdruss weniger mit dem Essen zu tun hatte als mit dem Brief.”

“Doch auf Knopfdruck öffnete sich die Tür, Herr Blanc stieg aus und ging den schmalen, dunklen Weg hinauf, der zu einigen Wohnhäusern führte.”

Nicht diese drei willkürlich aus dem ersten Kapitel zitierten Sätze, in denen ich erfahre konnte, dass ein Weg in eine Treppe übergehen, in eine Hauptstrasse münden und zu einigen Wohnhäusern führen kann, haben mich verleitet den ersten Roman von Roman Graf zu lesen. Es war vielmehr das Cover mit einer Zeichnung von Laura, der mich anregte, das Buch über den Sonderling Herrn Blanc in die Hand zu nehmen.

Roman Graf: Herr Blanc. Roman. Limmat Verlag, Zürich 2009. (Umschlagillustration von Laura Jurt, Zürich)

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