san ju

30. September 2009

heirat

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heirat
Vor Jahren war es ein Spiel in der Stube, demnächst wird es ernst. Der damalige Bräutigam wird zur Braut und die Braut zum Hochzeitsgast.

heirat2

Zwanzig Jahre später, am 2. Oktober 2009 in Wolhusen.

17. September 2009

ein reisläufer gottes

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Martin Schmid Reisläufer Gottes
Ein Reisläufer Gottes: diesen Titel gab Felix Alfred Plattner 1944 der Lebensgeschichte des aus Baar stammenden Jesuiten-Missionars Martin Schmid. Ob die martialische Bezeichnung durch die Kriegszeit bedingt war oder ob sie auf den militärischen Sprachgebrauch der Jesuiten zurückzuführen ist, kann wohl nicht mehr festgestellt werden. Der Autor beklagt sich, dass in Luzern wohl mit dem Löwendenkmal den militärischen Söldner ein Denkmal errichtet worden sei, nicht jedoch den Reisläufern Gottes, die von Luzern aus nach beiden „Indien“ aufgebrochen waren, um die Welt geistig zu erobern. Mit seiner Schrift, die sich in erster Linie auf die Briefe von Martin Schmid beruft, wollte Plattner gleichsam stellvertretend den Innerschweizer Missionaren ein Denkmal setzen.
Was Plattner damals bereits ahnte, ist die Tatsache, dass Martin Schmid sich selber bemerkenswerte Denkmäler gesetzt hatte. Denkmäler, die zwar auch als Touristenattraktionen gelten, im Gegensatz zum Löwendenkmal jedoch zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt worden sind.
San_Javier_church

Martin Schmid (1694-1772), der am Jesuiten-Kollegium in Luzern studiert hatte, machte sich 1726 nach Südamerika auf. Während seines fast 40jährigen Aufenthaltes bei den Chiquito-Indianer im heutigen Bolivien, entpuppte er sich als wahres Genie (auch das ein Buchtitel von Plattner). Schmid betätigte sich nicht nur als Missionar, sonder verfasste unter anderem eine Grammatik in Chiquitano, komponierte geistige Musikwerke und lernte die Indianer, diese Stücke mit selbstangefertigten Instrumenten spielen. Daneben betätigte er sich als Architekt. Die von ihm konstruierten Urwaldkirchen sind es, die ins Welt-Kulturerbe aufgenommen wurden.

Als nach 1767 alle Jesuiten das Land aus politischen Gründen verlassen musste, kehrte Martin Schmid nach Europa zurück. Der mehr als 70järige Pater wurde vorerst für fünfzehn Monate in Cadiz interniert, bevor er nach einem Aufenthalt in Augsburg ans Jesuiten-Kolleg von Luzern zurückkehren konnte. 1772 starb er, gerade ein Jahr bevor der Jesuitenorden aufgelöst wurde.

Bilder:
– Der Reisläufer Gottes ist ein Ausschnitt des Schutzumschlages des gleichnamigen Buches.
– Die Kirche San Javier steht in der Provinz Ñuflo de Chávez, Bolivien. (siehe Wikipedia: Jesuit Missions of the Chiquitos)

Bücher von Felix Alfred Plattner:
– Ein Reisläufer Gottes. Das abenteuerliche Leben des Schweizer Jesuiten P. Martin Schmid aus Baar. Luzern 1944.
– Genie im Urwald. Das Werk des Auslandschweizers Martin Schmid aus Baar. Zürich 1959.

Beachte den Artikel von Delf Bucher in der NZZ vom 7. 3. 2002: Die Jesuiten Missionen im bolivianischen Tiefland (pdf).

7. September 2009

drei eidgenossen

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drei eidgenossen
Begleitet von drei fachkundigen Fusballexperten (Kurt, Pius und Roman) liess ich mich darauf ein, das Länderspiel anstatt in der Stube direkt vor Ort zu betrachten. Trotz des gesponsorten Fahnenmeeres blieb das oft erwähnte Krüseln beim Abspielen der Hymne aus. Richtig mitreissen vermochten auch die 22 Spieler auf dem Felde nicht. Als das Spiel der Schweizer immer lethargischer wurde, konnten die Pfiffe einzelner Zuschauer nicht mehr überhört werden. Dass die Partie schlussendlich doch noch mit einem Sieg für die Schweizer endete, versöhnte die meisten wieder. Mit bewahrtem (gestärktem?) Selbstwertgefühl wurde die Heimreise in überfüllten Zügen angetreten. Nächster Treffpunkt: Riga!

2. August 2009

gutenberghof

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murner in luzern 1
Immerhin vier Jahr seines Lebens verbrachte Thomas Murner in Luzern. 1525 floh er aus dem Elsass in die Stadt, wo er im Barfüsserkloster Lesemeister wurde. In Luzern angekommen, machte er sich sofort daran, im Kloster eine Druckerei einzurichten. So kann Murner wohl als erster Drucker der Stadt Luzern bezeichnet werden. Bereits 1529 verliess er Luzern wieder fluchtartig. Nur so konnte er der drohenden Auslieferung an die reformierten Orte entgehen. Auf geheimen Wegen über das Wallis flüchtete er nach Heidelberg und kehrte 1532 ins Elsass, in seinen Geburtsort Obernai zurück. Die verwaiste Druckerei in Luzern ging wieder ein. Ob man in Luzern gemerkt hatte, dass man mit Murner eine bedeutende Persönlichkeit verloren hatte? 1535 wurde ein Brief nach Obernai gesendet, mit der Bitte, Murner solle nach Luzern zurückkehren, um Leitung der Schule zu übernehmen. Murner lehnte ab. Statt dessen beschäftigte er sich weiterhin an der Übersetzung und Illustrierung der Weltgeschichte von Sabellicus.

Spuren hat Murner kaum in der Stadt Luzern hinterlassen. Keine Strasse, kein Platz wurde nach ihm benannt. Kürzlich hat mich Anna auf das Gebäude an der Morgartenstrasse aufmerksam gemacht. Tatsächlich ist hoch an der Fassade des Gutenberghofes (1905 von der Druckerei Raeber erbaut) eine historisierende Darstellung Murners auszumachen. Immerhin eine kleine Referenz an bedeutenden Literaten des frühen 16. Jahrhunderts.

murner in luzern 3

Bilder: Gutenberghof, Ecke Morgartenstrasse/Frankenstrasse, vierter Stock.

27. Juli 2009

sélestat: praeter me nemo

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praeter me nemo

Um von Obernai nach Basel zu gelangen, benützt man am besten den Regionalzug nach Sélestat. Ein Zwischenhalt in Schlettstatt lohnt sich jedenfalls. Sehenswert sind sicher die romanische Kirche St. Foy und die gotische Kirche St. Georges. Daneben ist Sélestat natürlich bekannt wegen seiner Bibliothèque Humaniste, einer Sammlung von Büchern, welche aus der Bibliothek der Latein-Schule von Schlettstadt und der Privatbibliothek von Beatus Rhenanus hervorgegangen ist. In dieser Bibliothek bin ich doch noch auf eine Spur von Thomas Murner gestossen. In einer Vitrine ist eine Schrift ausgestellt, auf deren Titelblatt Jakob Wimpfeling sich mit einer Schar von Freunden und Schülern Thomas Murner entgegen stellt. Murner ist an der Banderole mit der Aufschrift „preter me nemo“, keiner ausser mir, erkennbar. Er hatte 1502 gewagt, eine Schrift des hochangesehenen Schlettstädter Humanisten Wimpfeling anzugreifen. Wimpfeling hatte in einer Schrift mit dem Namen „Germania“ zu begründen versucht, wieso das Elsass deutsch sei; Murner hatte mit einer Gegenschrift „Germania nova“ mit ebenso unzulänglichen Argumenten die französische Herkunft nachgewiesen. Eine Auseinandersetzung bahnte sich an, in deren Folge die Verbreitung der murnerischen Schrift verboten wurde, Murner seine Reputation als Humanist verlor und er zusätzlich mit dem Spottnamen Murnar (Murr-Narr) versehen wurde, ein Name der ihm zeitlebens geblieben ist.

st foy

Bild oben: Ausschnitt aus der Schrift: Defensio Germaniae Jacobi Wympfelingii. Freiburg i. Br. 1502 (aufgenommen durch die Glasscheibe der Vitrine).
Bild unten: Kirche Sainte-Foy (Sankt-Fides) in Sélestat aus dem 12. Jahrhundert (bei einsetzendem Regen).

12. Juli 2009

bären trubschachen

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righini trubschachen
Noch bis zum 17. Juli dauert die Kunstausstellung in Trubschachen im Emmental. Es ist erstaunlich, was in den beiden Schulhäusern des kleinen Dorfes (kaum 1500 Einwohner) an Schweizer Kunst zu sehen ist. Als Schwerpunkt der Ausstellung wird Ernst Ludwig Kirchner bezeichnet. Von ihm sind in der Turnhalle 16. Bilder aufgehängt. Daneben ist ein vielfältiger Ausschnitt von Schweizer Künstlern des 20. und 21. Jahrhunderts zu sehen. Dabei wechseln sich bekanntere und unbekanntere Künstler ab. Von den zeitgenössischen Werken beeindrucken unter anderem die von Silvia Gertsch, Alois Lichtsteiner und Bendicht Friedli. Von den älteren Künstler wurde ich von einigen überrascht, da sie mir bis anhin nicht bekannt waren. So etwa von den Bildern von Niklaus Stoecklin aus Basel und Sigismund Righini aus Zürich.

Die Speisekarte im von aussen prächtig aussehenden Restaurant Bären barg dann wenig Überraschungen. Von der angekündigten „Emmentaler Ruschtig“ war wenig zu finden. Die Karte war voll von mittelmässiger Wirteverbanddurchschnitt, wie etwa Fischnusperli und Pouletbrustschnitzel. Der hausgeräucherte „Burehamme“, denn uns die Wirtin ausserhalb der Karte empfahl, rettet uns jedoch den kulinarischen Abschluss des Ausflugs ins Emmental.
baeren trubschachen

Bilder:
– Ausschnitt eines Selbstporträts von Sigismund Righini (1870-1937)
– Landwirtschaftliches Fahrzeug vor dem Bären (erstmals erwähnt im 14. Jahrhundert)

15. Mai 2009

indianer in luzern

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indianer-in-luzern
Indianer haben Konjunktur. Dies nicht nur wegen des deutschen Finanzministers, der glaubt mit seiner Kavallerie die Schweizer Eingeborenen eingeschüchtert zu haben. Aktuell wird in den nationalen Medien auch des ältesten Luzerner Indianers gedacht. Zu Ehren des Vorort-Apachen Angy Burri wurde in Luzern zu dessen siebzigsten Geburtstag in der Kornschütte eigens eine Ausstellung eingerichtet.
Luzern und Indianer haben allerdings eine lange Tradition. Seit dem späten 17. Jahrhundert, seit 1667 die Jesuitenkirche fertig gestellt war, kniet ein bekehrter Indianer mit Federschmuck und Lendenschurz, ausgerüstet mit Pfeil und Köcher, zu Füssen des Fassadenheiligen Franz Xaver, der als neuer Stadtpatron beschützend auf Reuss und Altstadt blickt. Unlängst hat die Kunsthistorikerin Christine Göttler in einem Vortrag zur Jesuitischen Kultur in Luzern (Die Kunst der Konversion. Antwerpen, die Jesuiten und die neue Welt) auf diese Statue hingewiesen. Erwähnt hat sie dabei auch die Tatsache, dass Franz Xaver wohl von Indien bis nach China missionierte, dass er jedoch nie einen leibhaftigen Indianer zu Gesicht bekommen hatte. Dass die Jesuiten es nicht nur als ihre Aufgabe anschauten, in Übersee Seelen zu fischen, sondern auch die einheimischen Indianer missionieren wollten, auf das weisst der Historiker Dominik Sieber hin. Er bietet zur Zeit an der Universität Zürich ein Seminar an mit dem Titel: „Eigene Indianer. Barocke Volkskulturen in Luzern und der Innerschweiz“.

Christine Göttler: Novissima: Art and Religious Practice in the Age of Reform (Veröffentlichung demnächst).
Dominik Sieber: Jesuitische Missionierung, priesterliche Liebe, sakramentale Magie. Volkskulturen in Luzern 1563-1614. Basel 2005.

10. April 2009

passagen und relikte

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hertenstein1
Nur selten ist das Bild von Jakob Hertenstein in der Öffentlichkeit zu sehen. Es ist das älteste Bild, oder sicher das älteste Luzerner Bild, das sich im Kunstmuseum Luzern befindet und jetzt im Rahmen der Austellung „Passagen und Relikte“ gezeigt wird.
Das Bild wurde 1514 von einem der reichsten Luzerner Bürger in Auftrag gegeben. Die Familie des Jakob Hertenstein stammt ursprünglich aus Weggis, wo sie die gleichnamige Burg bewohnten. Später erwarben die Hertenstein das Schloss in Buonas und wurden ab dem 15. Jahrhundert Bürger der Stadt Luzern. Jakob, geboren um 1460, verstand es, sein Vermögen stetig wachsen zu lassen. Das geschah durch eine geschickte Heiratspolitik, durch Beteiligung an der Ravensburger Handelsgesellschaft und durch Erhalt von Pensionsgelder für fremde Söldnerdienste. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, im Jahr 1514 lies er sich von einem (heute unbekannten) Luzerner Maler porträtieren. Zur gleichen Zeit entschloss er sich ein seinem sozialen Stand entsprechendes Haus in Luzern zu errichten. Das Haus sollte innen und aussen kunstvoll mit Wandmalereien geschmückt werden. Für diese Malereien konnte Hertenstein, wohl dank seiner Beziehungen zu Basler Familien, sich der Dienste einer bedeutenden Künstlerfamilie versichern. Kein Geringerer als Hans Holbein der Jünger (und dessen Vater und Bruder) begannen das Haus am Kapellplatz mit Malereien zu versehen.
Das Hertenstein-Haus wurde 1825 abgerissen. Im letzten Moment, die Abbrucharbeiten waren bereits im Gange, wurden die damals in Luzern ansässigen Kunstmaler aufgeboten, um wenigstens Umzeichnungen und Skizzen der wertvollen Malereien anzufertigen. Einige dieser Umzeichnungen, sowie eines der wenigen erhaltenen Wandfragmente, sind gegenwärtig im Kunstmuseum Luzern zu besichtigen. Daneben sind eine paar andere selten gezeigte Luzerner Relikte aus dem 16. und 17. Jahrhundert ausgestellt. Diese kleine Zusatzausstellung lohnt es zu beachten, wenn man wohl in erster Linie wegen den Relikten des zeitgenössischen „Luzerner“ Künstlers Urs Lüthi das Museum besuchen wird.

28. März 2009

i p v t

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troxler1
Schlau oder zumindest verschmitzt erscheint Ignaz Paul Vital Troxler auf dem bekanntesten von ihm erhaltenen Bildnis. Troxler war 1780 in Beromünster als ältester Sohn eines Schneiders und Ladenbesitzers geboren. Seinen Vater verlor er bereits als zehnjähriger. Seine Mittelschulzeit verbrachte er an den Jesuitenschulen von Solothurn und Luzern. In dieser Zeit begeisterte er sich für die Ideen der französischen Revolution. Bei der Helvetische Revolution wurde der junge Troxler sogleich zum „Kriegskommissar für den Distrikt Münster“ und später zum Privatsekretär des Regierungsstatthalters Rüttimann ernannt. Eine Politische Karriere schien vorgezeichnet zu sein. Doch Troxler entschied sich für die Ausbildung zum Arzt und zog nach Jena und  Wien.

Nach einem kurzen Zwischenspiel von 1806 musste er Beromünster fluchtartig verlassen. Troxler kehrte nach Wien zurück, wo er seine spätere Frau kennenlernte. Mit ihr zog er 1809 erneut nach Beromünster, um eine Arztpraxis zu eröffnen. Als er um eine Bewilligung vorsprach, wurde er jedoch festgenommen. Erst als er nach inständigen Bitten seiner jungen Gemalin und seiner Mutter sich beim Sanitätsrat entschuldigte, wurde er nach einwöchiger Haft wieder entlassen.

Troxler hielt sich in der Folge politisch eher zurück. Das änderte sich jedoch als im Februar 1814 in Luzern ein Staatsstreich stattfand. Das Meiste, was man durch die Helvetische Revolution gewonnen hatte, sollte wieder rückgängig gemacht werden. Es sollte wieder der Zustand vor 1798 hergestellt werden (Restauration). An der Spitze des Putsches stand Vinzenz Rüttimann; derjenige Rüttimann, der 1798 der Revolution in Luzern zum Durchbruch verholfen hatte und den jungen Troxler zu seinem Sekretär ernannt hatte und der schon die erste Verhaftung Troxlers veranlasst hatte.

Troxler und einige seiner Freunde setzten eine Petition gegen die neuen (alten) Machthaber auf. Die Volkssouveränität sollte wieder hergestellt und die Vormacht der Stadt über das Land sollte beendet werden. Die Petition mit über 70 Unterschriften wurde konfisziert. An die 20 Verdächtige wurden inhaftiert; darunter auch Troxler. Nach fünf Wochen Haft in Sursee wurde Troxler gegen Kaution frei gelassen. Die Urheberschaft der Bittschrift konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Erneut verliess Troxler Beromünster mit seiner Familie Richtung Wien. Einen kühnen Plan hatte er gefasst. Mit anderen demokratisch gesinnten Schweizern wollte er sich direkt am Wiener Kongress für die Volksrechte einsetzen.

(Zu den Verhältnisse in Luzern zur Zeit der Helvetik vgl. Heidi Bossard-Borner, Im Bann der Revolution. Der Kanton Luzern 1798-1831/50.  Luzern 1998.)

21. März 2009

von luzern nach jena

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luzernjena
Im Oktober 1800 machten sich zwei angehende Luzerner Medizinstudenten auf nach Jena. Die Reise führte über Basel, Strassburg und Frankfurt und dauerte etwa drei Wochen. Der eine der beiden Studenten, Joseph Corraggione, führte ein Tagebuch, das heute im Staatsarchiv Luzern liegt und teilweise online einsehbar ist. Der andere Student war Ignaz Paul Vital Troxler aus Beromünster. In seinen Erinnerungen schreibt er, dass er ein so schönes Studium nie wieder gesehen habe. Die Basis sei die Philosophie gewesen und mit Erfurcht habe er sich dieser Geisteswelt genähert und er betrachte es als sein höchstes Lebensglück die meisten ihrer Götter und Helden gesehen und gehört zu haben. Er meinte damit vor allem die Philosophen Fichte, Schelling und Hegel, bei denen er Vorlesungen besuchte, aber wohl auch die Dichter, die sich zu dieser Zeit in Jena (die beiden Schlegel, Novalis, Humbold…) und im benachbarten Weimar (Goethe, Schiller, Wieland, Herder…) aufhielten.
Troxler schloss 1803 sein Medizinstudium mit einer Arbeit über Augenentzündungen ab. Danach begab er sich nach Göttingen und danach nach Wien, wo er vor allem wissenschaftlich tätig war. (Nebenbei sei erwähnt, dass er in Wien auch kurz mit dem Beethoven zusammentraf.) Ende 1805 gab Troxler den Bitten seiner Mutter nach und kehrte nach Luzern zurück. Anfangs 1806 eröffnete er in Beromünster eine Arztpraxis. Gerade zu dieser Zeit wütete im Kanton Luzern eine Gripppe-Epidemie, die viele Opfer forderte. Als er sah wie die heimische Ärzteschaft auf diese Krankheit, die sie als Faulfieber bezeichneten, eingingen, erregte es in ihn dermassen, dass er eine Schrift gegen den amtierenden Sanitätsrat herausgab, in der er pauschal den medizinischen Versorgungsstand angriff:

Hier ist der Boden des gottverlassensten Zustandes der Medizin. Nirgends wird mit Leben und Gesundheit ein so blindes und freches Spiel getrieben wie hier. Oder wo gibt es noch diese zahllose Menge dummer Bauern, unwissender Weiber, Viehärzte, und Wasenmeister etc. etc., welche Medizin zur Profession machen, und machen können und dürfen wie hier? Wo findet sich noch eine so ungezügelte, oder so lose angehaltene Pfuscherei und Quacksalberei, wie hier? – Es ist beispiellos und schändlich!

Die Anwort aus Luzern blieb nicht aus. Er wurde aufgefordert, vor dem Sanitätsrat zu erscheinen und sich in aller Form zu entschuldigen. Troxler weigerte sich und entzog sich der Verhaftung durch die Flucht in den Aargau. Es sollte nicht der letzte Haftbefehl sein, der in Luzern gegen Troxler erlassen wurde. Von Aarau aus begab sich Troxler danach wieder nach Wien.

Vgl: Daniel Furrer: Ignaz Paul Vital Troxler (1780-1866) und seine Zeit: ein Leben für Freiheit und Einheit. 2004.

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